Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 465 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 29. Allgenieine Israelitische Wochenschrift. Seile 465. Rabbi's." — „So i/KoS. Mein Vater war Rabbiner und auch ich bin nicht zum Pachter geschaffen, aber was thnn, wenn Gott es fo haben wollte?" — Der Graf trällert lege irgend eine Opernmelodie und Jankel spricht begeistert weiter: „Meine guten drei Töchter sind nicht mehr jung, Bertha hat bereits dreiundzwanzig Jahre . - ach als meine Großmutter in diesem Alter war, hatte sie bereits sechs -Binder . > es ist schon die höchste Zeit, und auserlesene Iuugens habe ich, das; eS nur eine Pracht ist. ES fehlt mir aber Geld. Alles was ich hatte/hat sich der gnädige Herr geliehen und meine Töchter warten und warten." , Höre Jankel, erwiderte der Graf mit gesenkter Stimme, Tu kennst mich gut. — „O, nur zu gut." — „Also höre, ich habe mich jetzt entschlossen, meine Lebensweise zu ändern, ich werde jetzt geregelt leben, meine Angelegenheiten ordnen und auch Dir werde ich alles, aber'auch alles bis auf ein Jota bezahlen." — „Und woher? Vielleicht eine Heirat?"' „O nein, ich bin kein Narr; ich habe aber eine bessere Kuh, die weder Futter noch Pflege erfordert und nicht Milch, sondern fertigen Nahm liefert." — „Ich verstehe nicht:" — „I ch w e r d c A b g e o rdnete r." — „Ich verstehe nicht." — „Ich fahre nach Wien ins Parlament." - - „Ich verstehe nicht." — „Ich werde dort sein, wo man große Politik macht nnd werde mehr als einen hingeworfcnen fetten Knochen benagen." — Ich verstehe noch immer nicht, der gnädige Herr sprechen zu gelehrt." „Also höre. Besaßt Du Dich mit Politik?" - ,Lch mit Politik? Was kümmert die mich?. Mich interessiert was im Dorfe vorgeht, die Rechnungen und Preise." — „Das ist sehr schlecht . . Tu wohnst im Lande, bist dessen Bürger, Du solltest also für dasselbe arbeiten." — „Mit der Politik? Und wer wird Frau und Kinder ernähren?" — „Also znr Sache. Meine Pflichten und auch mein Interesse erheischen es, daß ich mich auf die Politik werfe, und das. wird mir nicht schlecht bekommen. Gieb nur Acht — ich biu ein Abgeordneter, ein einflußreicher Mann, babe in wichtigen Sachen eine Stimme, Verbindungen mit der Regierung . . ." „Aber das Geld, das Geld - jenes ist eine Bagatelle." — „Das ist es eben, daß mir dies zufließen wird, wie die Kinder in Eurer jüdischen Familie." — „Also hat der Herr Graf jetzt das Geld nicht? Das ist ein Unglück." - „Aber was denkt sich nur Jankel, daß das Geld so plötzlich mit dem Regen vom Himmel herunterfällt? Langsam, allmählich . ." „lind wozu hat der Herr Gras verlangt, daß ich herkomme? Wozu mich foppen? Haben Sie noch zu wenig mein Blut gesaugl." — „Ereifere Dich nicht, sprechen wir rubig, wie Geschäftsleute." „Ter Herr Gras sagt schon so seit einigen Jahren, und was habe ich davon? Immer nur: später und später, und ich warte und meine Töchter warten." — „Ich sage Dir, jetzt ivird's wirklich ein Ende nehmen. Du wirst das Geld mit Prozenten zurückbekommen, nur jetzt hilf mir noch einmal." - „Was,, noch einmal, Herr Graf? Sie spaßen wohl." — „Nein, Jankelchen, gieb nur Acht. Wenn ich Abgeordneter werde, kann ich i» einer Woche mehr verdienen, als auf dem Lande durch ein ganzes Jahr." „E, Sie machen sich über mich lustig." — „Aber Las ist ja eine ganz einfache Sache. Man will in unserem Bezirke jetzt eine Bahn bauen. Ich als Abgeordneter, bestrebe mich, das; dieselbe durch unser Dorf geführt werde, — anfgepaßt Jankel! - Die Bahn kaust unsere Bodenguinde, weißt Du, wieviel man dann für eine» Morgen zahlen wird? Für einige Grenzmorgen dekommen. wir einen kolossalen Schatz! Und dann, wenn bei uns eine Bahnstation sein wird, was für Verkehr wird da. herrschen nnd wieviel wirst Tn verdienen können!" Einige Minuten herrschte eine' Stille, als überlegte Jankel. „lind ferner — ich bin ein Abgeordneter, bin allen notwendig. Die Mi nifter buhlen um meine Freundschaft, was leichter also, als in einer großen Bank, oder besser: im Ministerium einen Posten zn bekommen ... So ist es, ich werde mich der Diplomatie widmen, ich habe seit meiner Jugend dafür Neigung und Talent. Daun habe ich eine bedeutende Pension, bezahle Dir die paar elenden Tausende, befriedige die Bank, atme frei auf, — welch eine Wonne!" Es trat eine Pause ein. Endlich läßt sich Jankels gedämpfte Stimme vernehmen: „Herr Gras . . ich bitte sehr um Entschuldigung . . wir kennen uns nicht von heute . . wozu diese neue Komödie? Sie sind wirklich ein großer Politiker, aber . . ." — „Wie, glaubst Du mir nicht?" Und der Graf begann eine lauge Beweisführung, mit Zahlen, Daten, Namen und wahrscheinlich auch mit Papieren.unterstützt, bis Jankel schließlich fragte: „Nun gut, aber wozu noch Geld? -- „Wozu? Du bist possierlich. Um gewählt zu werden." — „Ich verstehe nicht." — „Eh, die Menschen sind Menschen, man muß zu ihnen mit menschlichen Argn menten sprechen. Ich habe einen Gegner und muß ihn beseitigen — mit Geld. Zur Majorität fehlen mir noch etwas Stimmen, die ich mir kaufen muß." — „Ich verstehe nicht." Hier begann eine Auseinandersetzung voll Gemeinheit und Epnismus, daß jedes Wort die Nerven des im anstoßenden Zimmerchen unsrewillig horchenden Mädchens zerriß. Jeder Ausdruck uuterwühlte einen Felsen in ihrer Seele, den Rest des Glaubens an die Welt und die Menschen. Sie hörte, wie ein Mensch, der das Gewissen, die Ehre, das Wohl des Landes, das Glück von Hunderttausenden Leuten mißachtet, die allergewöhnlichste Nechtschafienheit geringschätzt, mit Bestimmtheit behauptet, daß ihn die Nation zum Führer wühlen würde. Und er sprach von seinen Mitarbeitern, von Litte raten und Journalisten, von hohen Beamten und einflußreichen Bürger», welche er für sich gewinnen und gut bezahlen müsse, und Klara drückte das Ohr an die Wand und in ihrem Innern tobte es . . . Und weiter spielte sich die schändliche Szene ab. Jankel weigerte sich Geld zu geben, augenscheinlich verstand er nicht die Pläne des Grasen. Letzterer aber drohte, daß dann alles verloren sei, daß er die Töchter unglücklich machen werde, schließlich flehte er. Seine weiche, einschmeichelnde, weinerliche Stimme flüsterte Beschwörungen und Eide, berief sich anj Gott, auf seine Vorfahren . . . bis Jankel endlich, in die Enge getrieben, erschrocken, gerührt oder überzeugt, Geld aufzählte. Der Graf lief leicht die Treppe hinunter . . Aha! vorhin noch hat er gesagt/daß im schlimmsten Falle, wenn er nicht gewählt wird, werde er eine Mesallianz eingehen, die Tochter eines Kaufmanns oder eines Juden heirate» .... denn „er muß doch einmal ein gesetzter Mensch werden." Jankel aber'ging schweren Schrittes im Zimmer auf und ,ob und seufzte. All dies hörte Klara. Sie schrieb i» ihr Tagebuch: „Zum dnttcnmal im Leben habe ich schon diese Gelegenheit . . das ist sonderbar. Würden sich ähnliche Szenen in irgend einem Roman ereignen, man hätte sagen können, daß dies ein bei den Haaren herbeigezsgener Effekt sei, jetzt aber ist ein jchlverer Wasserstrom hervorgebruchen, der das wankende Mühlrad endgültig aus der früheren Richtung adgelenkt . -i -- /vH -Ä! O M.