Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite Orakel re. spreche, denn keiner versteht ein Fremdwort, lieber eine 'etwaige Doktordissertation können wir uns ja noch verständigen. Ich möchte mich vor allem vergewissern, wie es mit der Einnahine steht. Hier giebt der Parneß zu jedem Feiertag 1 Mark 50 Pfg. — die übrigen Mitglieder nicht unter einer halben Mark. Wie steht es dort mit der Nebeneinnahme? Eine Hochzeit brachte mir vor mehreren Jahren vier Thaler und fünf Groschen und unter zwei Thalern habe ich auch noch nie bei einer sülchen Gelegenheit eingenommen, und ich habe schon fünf Traungen vollzogen! Als Familienvater kann man in dieser Beziehung nicht vorsichtig genug sein. Auch Ihnen muß es angenehmer sein, mich als Rabbiner in Berlin zu sehen; ich würde Ihnen dann die Artikel persönlich bringen und das teure Porto ersparen. Ich hoffe zuversichtlich von Ihnen eine genaue Auskunft zu erhalten und zeichne in dieser Erwartung Ihr ergebenster David Samuel Levinson, .Kandidat für de» Berliner Aabbinerposte». Nachbemerkung der Redaktion: Es ist »ns nicht sehr erfreulich, daß unsere Zeitung in Ihnen Wünsche erregt hat, deren Erfüllung, offen gestanden, uns gegen den Strich gehen würde. Sie würden z. Bin erster Reihe als hiesiger Rabbiner die versprochenen Artikel nicht liefern dürfen; wir habe» in solchen Dingen etwas Erfahrung. Sie denken und handeln als Beamter in der Provinz ganz anders, als wenn Sie in hervorragender Stellung sich hier befinden. Auch würde Ihren Arbeiten die erforderliche Frische fehlen. Frisch gemähtes Gras hat einen ganz anderen Duft, als zusammen gepreßtes Heu. Berlin, resp. die hiesige Gemeinde ist viel größer, als Sie ahnen. Bieles, was dort als berechtigte Eigentümlichkeit gilt, trifft hier nicht ganz zu. Trotzdem geben wir Ihnen die gewünschte Auskunft, mit dem herzlichen Wünschen, daß Ihre Bewerbung Erfolg haben möge. Sollten Sie nicht hierher berufen werden, so ersetzen wir Ihnen in Zukunft gern das Porto. Das Rabbinat ist hier von der Llilcvv getrennt; diese wird von einer angcstellten Frau bedient. Ein Schächter ist, wie Sie richtig voraussetze», auch im Amte. Das Einkommen ist hier natürlich auch viel höher als in Krähwinkel und muß es auch sein, denn schon der Mietszins beträgt hier mehr als Ihr ganzes Einkommen inklusive Milze und Mikwe. Gelost wird unter den Kandidaten nicht. Nur einige, gewöhnlich drei, werden zur Probeprödigt berufen; die Wahl freilich, wie sie alsdann vor stch geht, sieht einer Lotterie oder einem Ausknobeln ähnlich, wird aber anders gehandhabt. Geborener Berliner braucht der Rabbiner nicht zn sein. Die bisherigen Rabbiner sind aus der Nachbarschaft, d. h. ans dem benachbarten Land. Ihr Vorrat an Fremdwörtern genügt auch für eine hiesige Predigt. Wir haben schon Reden gehört, die auch nicht viel mehr Fremdwörter enthielten, als die von Ihnen gebrauchten. Ein Dr.-Diplom ist in erster Reihe erforderlich, und zwar müßte das Diplom schon bei der Meldung eingereicht werden. Auch hier in Berlin sind viere Herren während der Wochentage verreist, aber zu einem iilmgnn ist stets eine genügende Zahl vorhanden. Wie viel der erste Parneß an Kibbud jomtow giebt, wissen wir nicht; weniger als I5>0 Pf. auf keinen Fall. Db aber alle hiesigen Mitglieder diese Geschenke spenden, dafür möchten wir denn doch keine Garantie übernehmen, lieber den beabsichtigten Vortrag: „Das Jncüu-nsoixur-tßebet," sprechen wir noch; die Idee ist jedenfalls vorzüglich und thatsächlich originell. Bis zur Entscheidung über die Wahl erbitten wir Ihre ferneren Briefe über die dortigen Gemeindeangelegenheiten. Wochen-(Lhroni'k. Bürgerliche Verhältnisse. * Der olle ehrliche Bachler. Neulich brachte die Staatsbürgerzeitung einen „Jüdische Aerzte und christliche Patienten" überschricbenen Artikel, der gar schaurige Dinge erzählte von der grausamen Härte eines jüdischen Arztes im Norden Berlins. Der „Gebrandmarkte" schrieb an das Blatt, setzte, unter Berufung auf Zeugen, den Sachverhalt auseinander und stellte unwiderleglich fest, daß der gegen ihn gerichtete Artikel ans einer Kette von Unwahrheiten bestanden, da er, der Arzt, in dem inkriminierten Falle das gerade Gegenteil gethan von dem, was ihm angedichtet worden, daß er sich human und entgegenkommend gezeigt habe. Anstatt eines patvn fügt die Staatsb.-Ztg. der Berichtigung folgende Worte zn: „Unserem alten Grundsätze folgend, daß auch der andere Teil gehört werden muß, haben wir diese Richtigstellung hier wiedergegeben." Diese Wendung rief natürlich ein homerisches Gelächter hervor und diktierte einem Berliner politischen Blatte das folgende Rezept zur Herstellung antisemitischer Zeitungsberichte und zur Wiedergabe preßgesetzlicher Berichtigungen in die Feder: 1. „Ein jüdischer Mörder. Der Bewohner eines Hauses in der Leipziger Straße fJude) hatte einen Haß auf den Pförtner geworfen, seit dieser bei der jüngsten Reichstagswahl antisemitisch gewählt hatte. Gestern nnn traf der Jude das Kind dieses Pförtners im Garten hinter dem Hanse und stieß es in den Brunnen, an dessen Rand e8 harmlos gespielt hatte. Das Kind zn retten war leider unmöglich. Wann wird der Staat endlich den Juden die leichtsinnig bewilligte Gleichberechtigung wieder nehmen? l n. Berichtigung. Wir werde» auf Grund des betreffenden Paragraphen des Preßgesetzeö ersucht, berichtigend mitznteilen, daß der Artikel „Ein jüdischer Mörder" in unserem gestrigen Blatt einige Unrichtigkeiten enthätt. Der Pförtner des Hanfes in der Leipziger Straße hat gar kein Kind, und es befindet sich auch hinter dem Hanse kein Garten mit einem Brunnen. Auch wohnt in dein betreffenden Hause kein Jude, und der Pförtner hat, wie er versichert, nicht antisemitisch, sondern sozialdemokratisch gewählt. Unserni alten Grundsätze folgend, daß auch der andere Teil gehört werden muß, haben wir diese Richtigstellung hier wiedergegeben. Jüdischer Raub. In das traurige Kapitel vom Anteil der Juden gehört das Folgende. Ein durch die Farbe seiner Haare auf de» ersten Blick kenntlicher Jude verließ gestern Abend am Spittelmarkt in dein Augenblick einen Pferdebahnwagen, ivo eine arme Fabrikarbeiterin gerade den zufällig ziemlich leeren Markt passierte, und entriß derselben ein Portemonnaie, in welchem die Arme ihren kärglichen Wvchenlvhn barg. Auf das Schreien der Beraubten sammelten sich rasch die Passanten um sic, denen sie nun erzählte, ,wic. frech sie von einem Inden ihrer geringen Habe beraubt worden,sei. Leider war der freche Räuber in die Leipziger Straße verschwunden. Wie viele solcher Bubenstücke mögen von Juden begangen werden, ohne daß sie an den Tag kommen, oder vor Gericht bewiesen werden können? Und nun eine Fn ge: weshalb läßt die Aufhebung der Jndenemanzipation so lange auf sich wn'ten? , ' .. .. . l'