Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 217 (sequence 5)
- Language
- German
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dem Schütz, dem Ohler oder dem Kehr Aehnliches auszumeisen haben. Weder die Rabbiner, noch die Seminardirektoren, noch die Seminarlehrer haben eine einigermaßen erschöpfende Methodik des Religionsunterrichtes geschrieben. Was ist die Folge davon? Der christliche Lehrer weiß sofort, was er zu thun hat. Der junge Lehrer steht unter genauer Aussicht, und wenn er etwa im jugendlichen Uebermute einmal dem Inspektor die Zähne weist, so verschlägt das nicht viel. Er wird bald cinlcnken. — Ganz anders der jüdische Lehrer. Er kann sich die fehlenden Bor-Veranstaltungen lediglich wünschen, er kann ihr Fehlen beklagen schaffen kann er sie nicht. Er ist notwendig auf sich selbst gestellt. Hieraus entspringt ein viel größeres Verantwortlichkeitsgefühl. Obgleich auch hier in den verschiedenen Gemeinden ein gewisses Herkommen obwaltet, obgleich die Gemeinde den Lehrer genau beobachtet, und obgleich dissentierende Mitglieder eine Umgestaltung betreiben möchten, manchmal auch aus Lust an Opposition oder aus persönlichen Gründen, so muß er doch das meiste selbst aus eigener Erzieher-Autorität entscheiden. Dies legt ihm eine große Reserve auf, denn je größer die Verantwortung, desto weniger Raum ist dem subjektiven Belieben gestattet. Auf der anderen Seite aber hat der Lehrer auch entschiedenen Vorteil. Eine kirchliche Vevormunbung, die von christlichen Kollegen so vielfach beklagt wird, ist bei uns nicht vorhanden. Es kann auch nicht Vorkommen, daß man den Lehrer als unwürdig zur Erteilung des Religionsunterrichts ansieht, es sei denn, daß er sich im Privatleben bedenkliche Blößen giebt. Dagegen ist er allerdings vielen Rekriminationen von Gemeindemitgliedern, sei es solcher, die sich orthodox, sei es solcher, die sich aufgeklärt geberden, ausgesetzt; der Lehrer kann ihnen jedoch entgehen, wenn er sich vollständig neutral verhält und unentwegt seiner Unterrichtspflicht genügt. Aus dem Gebiete des Personen-Unterrichts gereicht dem jüdischeil Lebrcr die Doppel-Qualisitation zum Nachteile. Bekannt dürste sein, daß z. B. Stöcker den jüdischeil Lehrer ganz allgemein als unfähig zur Erteilung des Geschichtsunterrichts hinstellt. Nun ist zwar Stöcker für uns keine Autorität, aber leider glauben viele hochgestellte Christen so wie Stöcker. Und nicht das allein! Auch viele Juden glauben sich als besonders deutsch zu beweisen, wenn sie den Unterricht des christlicheil Lehrers vorziehen. Ist doch bei manchen „Aufgeklärten" nichtjüdischer Umgang das Ideal ihres Lebens! Das Buhlen um der Andersgläubigen Gunst nimmt bei ihnen zu, proportional den Fußtritten, welche sie vom Antisemitismus erhalten. Kann denn der jüdische Lehrer keinen vorurteilsfreien Geschichtsunterricht erteilen? Ganz gewiß kann er das! Denn unsere Religion hindert nicht eine vorurteilsfreie Prüfung der Thatsachen. Im li. B. M., Kap. W, Vers 7 wird eine solche ausdrücklich vorgeschriebcn. Hingegen kann man ans der Thatsache, daß katholische Lehrer den Geschichtsunterricht im katholischen, evangelische im evangelischen Sinne erteilen, einen Einfluß der Konfession ersehen. Hier ist doch nicht das Deutschtum, welches den Maßstab der Beurteilung liefert? Oder, ist das der Fall, so widerspricht eben Deutschtum nicht der konfessionellen Gesärbtheit, und, da wir Juden »ns doch als Deutsche wollen betrachtet wisse», so verlangt es die Konsequenz, daß wir die Lehrer, die unserer Gemein schaft entstammen, nicht nusschließen. ... » v,.. . Hierauf muß mit aller Strenge aufmerksam gemacht werden, und der jüdische Lehrer muß darauf dringen, daß er eine seiner Oualifikation voll entsprechende Dienstbeschäftigung erhalte. Mythologie md Religion. Von Tr. Emil E. Hirsch, Chicago. II. -Doch lassen wir diese verfehlten Erklärungsversuche.*'» Die Lösung der Frage: „Was ist Mythos?" kann uns nur an der Haud der neueren vergleichenden Sprach- und Religionsforschung werden. Wir haben im obigen unsere Beispiele ausschließlich dem Mythenkreise der Griechen entnommen. Sind wir vielleicht unbewußt darin einer lange gang und gäbe gewesenen, oben schon berührten Ansicht gefolgt, »ach welcher dem Volke der Hellenen allein die mythenschaffende Geisteskraft zuerkannt, allen andern Völkern aber dieselbe abgesprochen wurde? Die Resultate der neueren Wissenschaft liefern den unumstößlichen Nachweis, daß diese Kraft eine allgemein menschliche ist. Kein Volk das ihrer bar wäre, selbst nicht, was neulich noch behauptet wurde, die semitischen Völkerstämme oder speziell das Volk der Hebräer. Auf zwei Wegen gelangte die neuere Forschung zu diesem Schlüsse. Einerseits erschloß sie die Litteraturkreise der wichtigsten Kulturvölker der „alten" Welt, in welchen die Anschauungen jener Geschlechter, welche doch der Kindheit der Menschenfamilie am nächsten staßden, anfgespeichert vorliegen. Andererseits aber vertiefte sie sich in das Leben der Seele, drang vor bis in das Heiligste ihres Tempels, und wies dann nach, daß nicht blos einst der Mensch, welchen Volkes er auch ge wesen, die mythenschaffende Kraft geübt, sondern auch heute noch diese Kraft einem jeden Menschen, in gewissen Lebensperioden, und in gewissen Volksschichten auch zeitlebens, wirkt und webt. Den Menschen hat man oft den Mikrokosmos (sill? genannt. Die alten Denker, denen wir diese Bezeichnung verdanken, ahnten kaum, welche Bestätigung und Ausdehnung ihren Annalnnc», i>» Menschen spiegle sich der Makrokosmos, die große Welt, durch Beobachtungen, von späten Enkeln vollzogen und gesammelt, werden sollte. Den großen, weiten Entwickelungsweg, den die buntgestaltete Welt organischer Wesenheiten im Lause von Jahrmillionen dnrchpilgert, von der niedrigsten Stufe bis hinauf zum Könige der Schöpfung, den Menschen, findet das geübte Seherauge des Biologen wieder in dem schnellen aber dennoch stufenweise vorsichgehenden Entwickelungsprozesse des Embryos im Mutterorganismuo. Aber auch geistig hält der Mensch heute noch Rast an den Stationen, an welchen nach viel schwerfälligerem Marsche die gesamte Menschheit, im Entwickelungügange ihrer geistigen Fähigkeiten, einst Einkehr gehalten; und das Erwachen des Geistes im Kinde, seine blütenreiche Entfaltung in demselben hinauf bis zu seinen höchsten Leistungen - sind Miniaturbilder der Phasen, welche durchlebend die Menschheit sich erhob auf Geistesschwingen über das stumpfsinnige Tierleden in den Niederungen, und den Höhenzügen zustrebte, aus welchen früh der erste Kuß der Sonne ruht, und ans welchen Liehe nnssiihrlich diese Versuche behandelt, bei lM»»»»In. 'kln- Vot.! l. ' . -Ä