Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 216 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-6353489-6353505--0097-4794929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 216. I-skHururi. Nr. 14. doch mit ganzer Seele dabei, weil er wußte, daß das, was in seinem Siddur stand, dazu angcthan sei, ihn Gott wohlgefällig zu machen. Wir möchten sic nicht gut heißen, die ästhetischen Unschönheiten, wie sie früher bei dem öffentlichen Gottesdienste vorhanden gewesen; wenn wir ihnen aber gegenüberstellen die vornehme Nonchalance, womit man heute über die Pflicht des Spnagogenbesuches hinweggeht, so wäre der Ausspruch Israels in der Schrift: Mir war damals besser als heute" durchaus nicht unangebracht. Nehmen mir noch dazu die fromme Verehrung, die früher bei den Juden für ihr Gebetbuch vorhanden war, wohl darum, weil es in allen Lebenslagen von ihnen benutzt wurde, so kann ein deutsches Gebetbuch, das während des größten Teils des Jahres unbenutzt bleibt, kaum irgend einen Wert in den Augen seines Besitzers sich je erwerben. Unsere Zeit ist zu praktisch, um sich für Dinge zu erwärmen, die so wenig Zweckdienstliches in sich tragen. Ist nun aber für diejenigen, welche die hebräischen Gebete nicht verstehen, durch gute Ueberfetzung gesorgt, daß sie mit dem Inhalte derselben nicht unbekannt bleiben, so kommt das rein deutsche Gebet durchaus nicht zu der Notwendigkeit, die man für dasselbe angiebt, umsoweniger dies, als die hebräischen Gebete eine Kraftfülle des Ausdrucks in sich tragen, eine Innigkeit der Sprache in sich bergen, welche kein deutsches Gebet zu ersetzen vermag. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so Hütten die Juden des Mittelalters unter den Bedrückungen und Verfolgungen, denen sie auspesetzt gewesen, sich nicht jenen beispiellosen Mut, jene nicht zu beugende Standhaftigkeit bewahren können, die zur Ertragung ihres schweren Schicksals so unbedingt nötig gewesen, und welche sie jedenfalls aus ihren Gebeten in hebräischer Sprache geschöpft hatten. Wird man uns nun entgegenhalten, daß die Juden jener Zeit das Hebräische recht verstanden — was indes auch nicht immer der Fall gewesen ist — so antworten wir, daß auch den heutigen Juden nicht die Möglichkeit genommen ist, sich während der Schuljahre mit der Ueberfetzung des Hebräischen in'ü Deutsche bis zu einein Maße vertrant zu machen, daß ihnen später das Verständnis der hebräischen Gebete durchaus nicht abzugehen braucht. Wie dem aber auch sei, so wäre die Einführung der deutschen Gebete kein Schritt zur Hebuug und. Verbesserung unserer religiösen Zustände, vielmehr könnte sie dazu dienen, der Entfremdung vom Judentum nur noch weitere Bahnen zu erschließen. Denn daß das Hebräische mit zu den lebenSerhaltcnden Elementen unserer Religion gehört, wird von keinem Einsichtsvollen in Abrede gestellt werden. Ein Jude, der kein Hebräisch versteht, wird uns immer wie ein Fremdling in unserer Glaubensgemeinschaft erscheinen, womit wir indes nicht gesagt haben wollen, daß sein Herz nicht dennoch ein gut jüdisches sein kann. Allein das Herz allein thut es noch nicht, denn ebensowenig wie behauptet werden kann, baß das Herz in unserem Körper schon genüge, um den Menschen seiner Bestimmung gemäß zu bilden und vollkommen zu machen, daß vielmehr dazu nicht noch andere Teile des körperlichen Organismus nötig sind, ebensowenig kann der Jude mit der Empfindung allein der Zugehörigkeit zu seinem Glaubensbekenntnis gerecht werden. Die hebräische Sprache ist dem jüdischen Volke in seiner hundertjährigen Leidensgeschichte eine treue Begleiterin gewesen, und es wäre kein Zug der Dankbarkeit, wenn dasselbe in lichteren Tagen sich von ihr trennen und aus den Gottesbäusern verbannen wollte. Die ' "" des Wischt« Khms. Von L- Weinberg, Bodenfelde. Stellung und Qualifikation sind zwei verschiedene Dinge. Was crsterc betrifft, so ist gemeiniglich der jüdische Lehrer Ehasan und Schochet, in manchen Gemeinden auch Prediger. Es ist nun gar nicht in Abrede zu stellen, daß viele Lehrer für diese Nebenämter sich ganz vorzüglich eignen. Es giebt unter den Lehrern sowohl tüchtige Kantoren, als auch sehr tüchtige Prediger. Denn ein gutes Organ ist nicht an einen besonderen Stand gebunden und durch Fleiß und Energie läßt sich auch das mindergute Organ schulen. Die Beredsamkeit hinwiederum setzt nicht gerade immer eine Vertiefung in theologische Studien voraus, es giebt große Gelehrte, die schlechte Redner sind. Dazu kommt, daß der Anstoß, den man etwa in Bezug der in Frage kommenden Rechtgläubigst nehmen möchte, heutigen Tages mehr oder weniger gegenstandlos geworden, nachdem gerade die gelehrtesten Rabbiner die bedenklichsten Exkursionen auf theologischem Gebiete vor den Augen der staunenden Mitwelt ausführen; wohingegen der Lehrer meist auf ebenem Boden bleibt und daher niemals tief fallen kann, auch meistens mit Erfolg bemüht ist, den volkstümlichen Ton zu treffen. — Dies und noch mehr anderes hat, zu dein Ausspruch geführt, den ich einmal gehört: „Ans einem Lehrer kaun man alles machen." 'Nichtsdestoweniger werden sowohl die Chasonim von Fach, als auch die Rabbiner den Lehrer nicht als Ihresgleichen anschen. Jene sagen: durch den Unterricht, der die Lehrer nötigt, viel zu sprechen, leidet das Organ. Diese sagen mit Recht, daß da, wo es auf religiöse Entscheidungen ankommt, dem Lehrer die Autorisation fehle, und wir leben nicht blos von der Predigt, sondern auch das übrige Leben verlangt eine religiöse Norm. Demnach müssen wir sagen, daß der Lehrer das Kantorat und das Predigtamt nicht als Hauptamt, sondern kommissarisch versehe. Die Qualifikation des jüdischen Lehrers, wie er sie auf Grund seiner Seminarstudien erwirbt und wie sie in dem Abgangszeugnisse ausgesprochen ist, bezieht sich nur auf seine Lehrbefähigung. Diese aber unterscheidet sich von der Lehrbefähigung der christlichen Kollegen; und auf diesen Punkt möchte ich hiermit besonders aufmerksam machen. In den Abgangszeugnissen des Hannoverschen jüdischen Seminars wird die Befähigung als Religions- und Elementar - L eh rc r ausgesprochen. Ich glaube nicht, daß die christlichen Seminare sich ebenso ausdrücken, sie sprechen nur im allgemeinen eine Befähigung zum Lehramte aus. Der Unterschied ist bedeutender, als vielleicht mancher meint. Der christliche Lehrer, wenn er sein Amt antritt, hat ein vollständig vorgeschriebenes und bis ins Einzelne zergliedertes Pensum, das er verarbeitenmuß. Die Behandlungsweise des Stoffes wird auf dem Seminare bis zur Fertigkeit eingeübt. Die pädagogischen Lehrbücher, sofern sie nicht vorwiegend theoretischen Charakters sind, belehren aufs genauste über die Unterrichtsweise. Man sehe sich z. B. die Pädagogiken von Schütz, ferner die von Ohlers genau an und man findet obige Behauptung mehr, als bestätigt. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich anftthren, daß uns jüdischen Lehrern dies alles gebricht. Es sind ja in neuerer Zeit auch bei uns Ansätze zum Besseren gemacht, ich erinnere nur an die Seminarübungsschulen, dennoch steht fest, daß wir nichts D^2C