Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 218 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 218. A e s ctz u r u n. Nr. 14. spät ihr letztes güldnes „Gute-Nacht!" sanft hingehaucht sich dehnet. Die Kinderschule ist die Vorbercitungsschule, das Uebungsseld für alle, die sich rüsten wollen für die beschwerliche Entdeckungsreise in jene Zeiten, die jenseit aller geschichtlichen Ueberlieferung liegen. Des Kindes lallende Sprachversuche, seine eigentümliche Auffassungsweise der es umgebenden Welt erschließen uns das Geheimnis des Werdens und Wesens des Mhthus. Das Kind faßt die Welt mit dein Herzen auf. (Vgl. Lazarus, Ideale Fragen, S. 59.) Was heißt dies? Von sich selber ausgehend, mißt es an sich selber die Außendinge. Ist der Mensch überhaupt das Maß aller Dinge, so ist er dies am stärksten in jener Unschnldszeit, da die vier Wände der Spielstube für ihn die ganze Welt umgrenzen. Das Kind weiß oder fühlt sich belebt; es fühlt des Hungers nagend Drängen; es empfindet des Schmerzes stechende Unlust. Und dieses sein Leben und sein Leiden, seine Freuden, seine Schmerzen, trägt es hinaus in die Außenwelt, sieht Leben im toten Holze, und stempelt alles mit dem Siegel der erregten Persönlichkeit. Wem sielen der Belege unzählige hierfür nicht ein? Des Kindes Fuß stößt an den Stein, und seine Hand hebt aus zum Schlage, den Stein zu züchtigen, denn auch er führt, in der Auffassung des Kindes, ein beseeltes Dasein. Welch rührende Sorgfalt entfaltet nicht das spielende Mädchen für seine kleine Schutzbefohlene, die wächserne Puppe! Wie es sie herzt und hätschelt; ihr dann, der Unartigen, wieder grollt! Jetzt singt es sie in den Schlaf! Haben wir es hier mit einer bloßen Nachahmung des den Großen „abgeguckten" Gebahrens zu thun? Schwerlich! dem kleinen Mütterchen ist die Puppe nicht ein totes Ding: sie ist ihm eine Person, ein Kind, das gleich empfänglich ist für die Liebkosungen, wie für die Zurechtweisungen. Und unser kleiner Reitersmann mit seinem hölzernen Schlachtrosst. Wie er es spornt und peitscht, tummelt und jagt; wie er ihm schmeichelt und es belobt! Mit welcher Regelmäßigkeit, ehe er sich zur Ruhe begiebt, er nachsiebt, ob auch sein Rappe gehörig besorgt! Auch ibm ist das hölzerne Roß kein totes; es lebt für ihn und fühlt mit ihm! Dies Hineingetragen unser eigenen Persönlichkeit in die leblose Welt: das ist Mythos. Später erst, und »ach und nach, lernt das Heranwachsende Kind den Unterschied vollziehen zwischen Totem und Belebtem; und manche lernen es nie! Der Dichter, wenn er vom Geiste seiner Muse ergriffen ist, sieht in allem Leben! Er tauscht dem Zwitschern der Bögel, und ihm wird es zur Sprache sehnender Herzen; der glitzernde Stein erzählt ihm von den Leidenschaften, den Stürmen, den Siegen strebender Herzen; die Blume redet von Liebe und Lust — überall schaut er das Spiegelbild seines eigenen Jchs! So ist denn auch eine jede wahre Dichtung Mythos. Ebenso bewahren manche Volksschichten diese Kinderanschanungen; sie vermögen die Scheidung zwischen Belebtem und Nicht-Belebtem nur unvollkommen einzuhalten. Die Dinge in seiner nächsten Umgebung weiß z. B. der Bauer mit kaltem Verstnnoe zu erfassen; nicht aber, was z. B. dort droben am Himmelszelte sich zuträgt. Hier ist es seine eigene Persönlichkeit, welche dort oben den Dingen und Vorgängen Farbe und Fassung giebt. Es donnert! „Die Engel schieben Kegel!" Nun, auch die Menschheit trug einst die Kinderschuhe. Auch ihr lächelte das rosige Morgenrot einer unschuldsvollen Zeit, in welcher das Herz den Dingen Leben einhauchte, der Urmensch, — rin Kind an Geist sah sich gestellt in eine Well, deren Zusammenhang er nicht begreifen konnte. Sein eigenes Innere aber, mit seinen Leidenschaften, war ihm bekannt; und es gab ihm den Maßstab, die fremde Welt draußen zu bemessen. Um ihn herum pulsierte warmes Leben, geartet und geordnet wie das Seinige. Besonders mußte ihn der Sonne leuchtende Kugel anziehen, der dunklen Nacht Grauen mit Schrecken erfüllen. Ist doch das Auge „der Sonne Kind." Die Sonne entstieg am Morgen ihrem östlichen Ruhebette: sie war ihm der Bräutigam, geschmückt der Braut entgegenzueilen! Zur Mittagszeit erschien sie ihm als gewappneter Kriegsheld; zur Abendzeit erschien sie ihm als schwacher Greis. Die Nacht, — es war ein böser Geselle, welcher seinen Bruder, den Tag, mit frevelnder Hand erschlagen! Und ebenso erklärte er sich aus seinen eigenen Herzenserfahrungen den Kreislauf der Jahreszeiten. Das Frühjahr war ihm ein blondgelockter Jüngling; die Sommerszeit der erstarkte Mann, oft don mildem Weh ergriffen, oder von düsterer Wut gepackt u. s. m. Am Himmel spielte sich für ihn ein ergreifendes Drama ab, das auch er in sich erlebt. Einrichtungen seines eigenen Lebens, er fand sie dort wieder. War er noch Jägersmann, so ward ihm die Sonne ein wacker Schütze, mit Pfeil und Bogen bewehrt; die Wolken, die eilenden Vögel, deren Schrei im Sausen des Windes ertönte: die Nacht, die listige Schlange. (Vgl. Uriuton, Düs in^tlis ot' tlik U6VV Yorick.) War er Viehzüchter, so war die Sonne ihm ein Schäfer, die Wolken seine Heerde; oder der Mond war der Hirte, der die Sterne, seine Schafe, zur Trift führte. Als Ackerbauer erfaßte er die Wolken als Kühe, der Regen, der ihnen entfloß, war die ernährende Milch. Waren es nun die Himmelserscheinungen, welche besonders den Urmenschen anzogen — eine Thatsachc, die schon aus dem Umstande erhellt, daß alle Sprachen einen strotzenden Reichtum an Bezeichnungen für die Sonne, den Mond u. s. w. aufweisen — so trug er ebenfalls sein persönliches Leben aus Näherliegendes über. Der Bach, die Wiese, der Wald, die Blnme, der Stein, sie alle lebten, fühlten, liebten, haßten, suchten einander, und flohen einander! „Alle jene Regsamkeit die unser eignes Gemüt stillt, den vielgestaltigen Lauf der Gedanken, das heimliche Spiel der Gefühle, die lebendige Kraft des Strebens, in deren gesetzlicher Freiheit uns das schönste Gut unseres Daseins gegeben scheint, das alles glaubt die Kindheit des einzelnen, und glaubte die Jugend der Erkenntnis auch unter den fremdartigsten Formen der Außenwelt wiederznerkennen." (Lotze) Dies Wiedererkennen aber vollzieht sich unbewußt. Dem Urmenschen sind seine so geschaffenen Mythen nicht dichterisch gefaßter Schein einer dahinterliegenden Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit selber. Lange zwar konnte diese selige Uebertragung der eigenen Uugebundenheit auf die Erscheinungen der Außenwelt nicht in ungestörter Einheit anhalten. Die Erfahrungen des Lebens mußten bald den Menschen belehren, daß nicht eigenwillige Freiheit, sondern gebundene, willenlose Gesetzlichkeit die Beziehungen der Dinge zu einander regelte. Der Jäger mußte bald erkennen, daß die Flugbahn des Pfeiles in berechenbarem Verhältnis zur Schnellkraft der angezogenen Lehne steht; und die rohesten Anfänge der Baukunst setzen die Kenntnis der Wirkungen der Schwere voraus. An der Duelle schon geriet der mythenbildende Fluß ins Stocken; die Mythen verloren immer mehr ihr frisches Gepräge; sie erstarrten zu Krystallen. Es kam eine zweite Generation, die sie nicht mehr verstand, die „nicht mehr Leben träumte iu den toten Stein." Ihr wurden die Mythen, Erzählungen von Vorgängen, welche nicht mehr im Znsammhange standen mit