Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 12 (22.3.1895)
- Date
- 1895-03-22
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. I - s ch i, r rr ri. Seite 189. nicht mit seiner nächsten Umgegend und seinen geschäftlichen Verhältnissen in Verbindung stand, war ihm so ziemlich gleichgitig; deshalb las er auch mit derselben kalten und gleichgiltigen Miene die beiden oben genannten Zeitungsblättcr, indem er nur ihre Informations-Nachrichten schätzte. Und damit kam er gut aus. Mit dem Landedelmann konnte er über Politik und die neuesten Tagesereignisse sprechen, und da er dabei eine neutrale Haltung beobachtete, verletzte er nicht die Ueberzeugungen und Gefühle eines andern; den Bauern und seinen ungebildeten Glaubensgenossen hingegen imponierte er mit seinem Wissen und seiner Weisheit. Die Intelligenz liebte ihn und nannte ihn mit einem gewissen Respekt den „Herrn Kaufmann", den „gelehrten, ordentlichen Juden", die Bauern begegneten ihm mit Achtung, und die Juden sagten: „das ist ein gescheidter Mensch, er politisiert, er unterhält sich gleichsam, und macht dabei gute Geschäfte." Josef war in der Thal überaus rührig und erfinderisch. Er dachte fortwährend über etwas nach, entwarf Pläne und führte sie aus. Unternehmend und vorsichtig, war er auf verschiedenen Punkten engagiert. Seine Frau Chase saß im Wirtshaus zu Mnlinee und besorgte die häuslichen Angelegenheiten. Er hielt aus verschiedenen Stellen die Straßenmauth und bei Herrschaften die Milch in Pacht, hatte Anteil bei verschiedenen Propinationen (Schänken), und Kompagniegeschästen, kaufte in großem Maßstabe Getreide und Holz zum Exporte, war aus jeden, größeren Markte in der Umgegend, nahm an jeder bedeutenderen Unternehmung Teil, kurz er war energisch und operierte vielseitig. Seine Geschäfte entwickelte er anständig ab, kam mit den Gerichten nicht in Berührung, er lebte also friedlich; allenthalben kam man ihn, mit Zeichen der Achtung entgegen und so lebte er glücklich. II. Tie Schenke in Malinee unterscheidet sich durch nichts mm ihren übrigen Schwestern. Auf einem niedrigen Hügel gelegen, hat sie ein breites, gegen die Chaussee weit in seinen Angeln offenes Thor. Zur rechten Seite befindet sich in der Nähe ein altes mit Mos bewachsenes ruthenisches Kirchlein und in einiger Entfernung mit der Front gegen das Wirtshaus gewendet, ein neues, übergeweißtes Schulgebäude. Zn dieser nicht gut gewählten noch passenden Gesellschaft ergeht es dem Kruge, bezw. Chaje der Schenkwirtin nicht übel. In der großen Welt führen alle Wege nach Rom, und in Matinee geleitet jeder Steg ins Wirtshaus. Tie innere Einrichtung ist auch nicht glänzend. Die schmutzige, rauchgeschwärzte und gesprungene Zimmerdecke stützt sich aus die Wände, welche sich keineswegs durch allzugroße Weiße auSzeichuen. Die kleinen, seit langer Zeit nicht gewaschenen Fensterchen lassen nur spärlich die lichten Strahlen der eben uutergehenden Sonne hineindringen. Die geräumige Schenkstube ist durch eine Barriere in zwei gleiche Hälften geteilt. In der größeren sind Jäsichen, Fässer und volle Säcke >„W m.'M aufgesiapelt, ferner befindet sich darin ein hoher Tfen von nicht kleinem Umfange und lauge, schmale Tische von niedrigen Bänken umgebe»; die kleine Halste beherbergt einen ungeheuren, einem großen Kanzleitische ähnlichen Schanktisch, auf welchem sich Gläser, Becher, blechernes Triukgeschirr, Flaschen und .Karaffen von verschiedener Art, Form und Größe befinden. Beim Schanktische steht ein kleiner Schrank, das Ziel der beißen Wünsche und Träume der Landleute, um welchen sie sich scharen, wenn cs not thut, den Kummer in Lethe zu ertränken. Dieser Schrank faßt verschiedenartige Fäßchen, welche das glückselige LebenSelirier in Gestalt grauen Branntweins, braunen Rums, kastanienbraunen Methes enthalten. Hinter dem Schanktische hantiert die „Arendarin" mit groben, verschwommenen Gesichtszügen, mit großen leblosen Augen, ohne Glanz, ohne Anmut, in reiner bescheidener Kleidung. Das ist Chaje, die Frau des Herrn Josef Zwiebel. Sie ist eine ganz gewöhnliche Frau, ohne besondere Eigentümlichkeiten. Möglich, daß sie immer so leblos war, möglich, daß auch sie einst ihren rosigen Frühling hatte. Aber, da sie auf Befehl ihrer Eltern geheiratet hatte, und von Jugend aus an eine mechanische Arbeit gewöhnt war, wurde ihr eigener Wille, ihre ganze Individualität und Selbstthätigkeit abgestumpft. Ihren Mann liebte sie nicht, denn sie hatte ihn nur auf Befehl ihrer Eltern geheiratet; im übrigen wußte sie nicht, was dieser aus dem Wörterbuche der asketischen Juden Polens gestrichene Ausdruck bedeute. Dafür achtete sie in ihrem Manne seine überlegene Intelligenz; sie war ihm in allem gehorsam, lebte und atmete nur für ihn, und mit der Zeit wurde sie sein gefügigstes Werkzeug, ihr eigenes „Ich" ganz einbüßend. Seit zwanzig Jahren sitzt sie bereits hinter dem Schanktische, seit zwanzig Jahren führt sie die eintönige Lebensweise, sich nur einmal des Monats nach dem nahe gelegenen Städtchen begebend; — was Wunder also, daß sie physisch und geistig träge geworden, sich ihrem Manne unterordnete, an welchen wie an einen Messias zu glauben sie von Jugend an gewöhnt war! Jetzt ordnet Chaje die Flaschen am Schanktische und zählt das Geld. Die Schenke ist leer, nur Maryna, die Magd, ist da, mitbeschäftigt manche Gerätschaften zu scheuern und von Staub und Schinutz zu reinigen, denn der Sabbat naht heran. Unter ihren Fingern erhebt sich ein dichter Staub und verliert sich in der drückenden, schweren, von öen Dünsten der scharfe», übelriechenden Getränke, geschwängerten Atmosphäre. Tie Thüre öffnet sich und Josef erscheint. Er kehrt von einer mehrtägigen, in Geschäftsangelegeuheiten unternommenen Reise heim. Maryna nimmt ihm den langen Mantel ab und er geht auf seine Frau zu. — „Chaje — spricht er ohne vorhergegaugeue Begrüßung — „treffe noch einige Vorbereitungen zum Empfange eines Gastes, welchen ich mitgebracht habe. Jetzt ist noch Zeit, bereite irgend ein Gericht und Fische auf unsere Weise. Hole aus dem Schranke die „feiertäglichen" Silberleuchter, die seidenen Decken und gieb Dir Blühe, damit alles sauber, ordentlich und wohlhabend ausschaue." Chaje erhob sich trüge von ihrem Sitze. — Was ist das für ein Gast? Wieder irgend ein reicher Edelmann? Rein, ganz imd gar nicht. Das ist ein sehr ordentlicher junger Mann nach meinem Sinne, ein „jüdisch Kind", weißt, für unsere Tochter. -- Ah, natürlich, es ist schon Zeit, daß Keile . . . Aber ich bitte Dich, nenne sie nicht in Gegentwart von Leuten Keile, sondern Klara. Das klingt ganz anders. Im übrigen weiß ich noch nichts bestimmtes, denn das hängt davon ab, ob er Klärchen gefallen wird. — Wozu das? Wenn er nur Dir gefällt. Ru, nu, wir werden schon sehen. Unterdessen thue, wie ich gesagt habe; ich gehe Klärchen begrüße».