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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-22 · 12 (22.3.1895) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
12 (22.3.1895)
Date
1895-03-22
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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I e f ctz u r u n. Nr. 12: Seite 188.! > ''s Er redigierte ferner die Monatsschrift „Haboker Or" in Leniberg und Warschau. — Michael Lebensohn (geh. z» Wilna 1828, gest. das. 1852), ein Dichterjüngling, der dank seiner hohen poetischen Begabung und der uon seinem Vater, (dem ersten hebr. Poeten in Rußland), geleiteteil Erziehung, zu einem der glänzendsten hebräischen Dichter herangewachsen wäre und auch seinen Vater, den Dichtergreis überragt hätte. Allein in der Blüte seines Lebens, 24 Jahre alt, verschied der reichbegabte Dichterjüngling. In den wenigen Jahreil seines dichterischen Schaffens, welche aber mich seine Lcidensjahre waren, errang er sich schon den schönsten Ruf in der Ruhmeshalle hebräischer Musensöhne. In der ersten Zeit seines Dichtens befaßte er sich mit hebr. Uebertragung profaner Dichtungen, welche sogleich die Blicke der jüdischen Gelehrtenwelt aus sich gelenkt hatteil. Während seines Aufenthalts in Berlin (krankheitshalber) folgte er aber dem Rate Zunzens, des Altmeisters jüdischer Wissenschenschaft, statt der Gedichte fremdsprachlichen Inhalts die Zionsharfe lieber -zur Hand zu nehmen, die noch immer des Meisters harre. In seinen letzten Tagen noch schrieb der Dichterjüngling herrliche Gedichte, bis die Hand ihm vom Tode gelähmt wurde, seine herrlichen Traumbilder verschwanden und seine Lyra verstummte. Wir wollen nur einen Vers bringen, den der sterbende jugendliche Dichter, den Tod des Dichterfürsten der jttdisch-arabisch-spanischen Periode, Jehuda Halevi, sich malte: „Kein Schmerzton entfuhr ihm, kein Zagen noch Beben Durchzittcrt sein himmlisch verklärtes Gesicht; Das Traumbild verschwand — doch mit ihm auch sein Leben, Und nimmer eröffnet sein Slug' sich dem Licht."') Der allzufrühe Tod machte dem Beginn von meisterhaften Gesängen ein Ende; er blieb daher hauptsächlich nur Lyriker, obwohl im höchsten Style, und wie er sich zur epischen Poesie erheben wollte, verstummte sein Lied. Erst seinein Freunde Leon Gordon war es vergönnt, die Höhen der Dichtkunst zu besteigen. (Ein fünftes Kapitel folgt). Feuilleton. Entgleist! Eine galizische Erzählung von Wilhelm Feld mann.I Erster Teil. l. Josef Zwiebel war einer jener Juden, denen man jetzt oft ini Südosten Galiziens begegnet. In seiner Jugend besuchte er einige Jahre die Volksschule, lernte dort korrekt Polnisch sprechen und etwas Arithmetik und nach Beendigung der Schule, in seinem 17. Lebensjahre, von seinen Eltern als „fertiger Mensch" anerkannt, steuerte er allein in des Lebens Oeean hinaus, für den Anfang mit etlichen Gulden versehen. *) In Deutscher Uebcrsetznng: I. Steinberg, Michael Lebcnsohns Israelitische Gesänge (Wilna IM) und in der Zionsharfc von KarpelcS (Leipzig 188Ü). Autorisierte Ueberiehnng ans dem Polnischen von L.°Horowiv. Seine ganze Zukunft war jetzt von seiner Findigkeit und seinen Fähigkeiten abhängig, denn die Eltern, selbst arm, hatten dazu noch eine zahlreiche Nachkommenschaft. Nun begann Joses ein thätiges und arbeitsames Leben. Anfangs hatte er zu sich selbst kein Vertrauen, und um Hebung und Fertigkeit zu erlangen, stand er auf den Kreuzwegen der Landstraße und kaufte bei den vorbeifahrendeu Bauern Eier, Geflügel, Getreide in kleinen Quantitäten, Flachs, Hanf und andere derartige Produkte, welche die Landleute nach der Stadt fuhren, um sie gegen Salz, Naphta oder Bargeld einzutauschen. Rach einjähriger Uebung hatte sich das vom Vater empfangene Sümmchen verdreifacht. Josef streifte seine bisherige Aengstlichkeit ab und gewann Mut und Selbstvertrauen. Jetzt besuchte er oft die Dörfer, bei der Landbevölkerung diverse Gegenstände entweder gegen Kasse einkaufend, oder sie gegen Ware, die er in seinem ambulanten „Lager" mit sich führte, eintauschend. Hie und da lieh er auch einem Bekannten einige Gulden, gewann auf diese Weise die Zuneigung der Landleute und ein gewisses Renommee. Nachdem er einige Jahre so gearbeitet, fühlte er sich stark genug, um mit einem ziemlich bedeutenden Kapitale größere Geschäfte zu machen. Er handelte mit Getreide und Holz, knüpfte Verbindungen mit Grundbesitzern an und noch öfter mit WirtschastSbeamten, Gutsverwaltern, Branntweinbraucrn und anderen „Hof-Würdenträgern." Dabei erging es ihm verschieden: bald lag er unten, bald oben; bald riskierte er einen bedeutenden Betrag und gewann, bald wieder erlitt er trotz der größten Vorsicht und Berechnung starke Verluste. Dabei mußte er viel leiden, sich auf den Jahrmärkten und in den herrschaftlichen Vorzimmern Herumplagen, bis er sich, in seinein sechsundzwanzigsten Lebensjahre mit einem nicht häßlichen, nicht alten und nicht sehr Reichen Mädchen verheiratete. Jetzt ist Josef Zwiebel ein ernster und reicher Mann. Von hohem Wüchse und edler Haltung, trägt er einen „deutschen" Rock, schneidet sich die „Pries"*) ab und haßt das übliche „Schabbes-Streinicl" **) dafür aber pflegt er mit Sorgfalt seinen prachtvollen, schwarzen Bart, um welchen ihn so mancher Aantee beneiden würde. Innig hängt er an der Religion der Vorfahren, beobachtet skrupulös ihre Vorschriften, aber in des Lebens Stürmen hat er so manches Vorurteil abgestreift, wofür ihn die pedantischen Glaubensgenossen einen „Mißnaged"***) nannten. Ihn hatte die Strömung der Zivilisation ersaßt. Da er mit der Intelligenz aus dem platten Lande in Verbindung stand und dabei neugierig und wißbegierig war, verachtete er keineswegs die zeitgenössische Kultur, ihre Früchte und ihre Repräsentanten. Von der Büchergelehrsamkeit hatte er eine große Vorstellung, ein Gefühl der Be Minderung, ähnlich wie der Ungebildete die Zaubereien und Wunder anstaunt, die mittelst der Physik und EHenne vollbracht werden. Foscf gab sich sogar Mühe, sich etwas von diesem Wissen anzueignen, in seinen Mußestunden laü er verschiedene polnische und deutsche Bücher und war ein ständiger und treuer Zeituugsleser. Die „Neue freie Presse" und. die ..Oaxoia, Xaroiloevuwaren seine Leib-Journale. Politische Ueberzeugungen besaß er wahrscheinlich gar nicht, denn das, was Snrnlocken. * ü Eckeiireiche^Miioc. '**) Skeptiker. 1

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