Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 173. JefcHururr. Nr. II. » zuwälzen, allein es wäre ein Zeichen innerer Schwäche und Haltlosigkeit, zu Geivaltinaßregeln gegen die Juden Zuflucht zu nehmen. Unsere alte germanische Volkskraft ist hoffentlich noch widerstandsfähig genug, um eine im Vaterlande wohnende Minorität nicht furchten zu brauchen. Auch erfordert die (Gerechtigkeit einzugestehen, daß eS unter den Juden viele Elemente gievt, welche Vaterland, Ehre und Gerechtigkeit hoch halten, so daß der billig Denkende einen ganzen Stamm nicht entgelten lassen wird, was einzelne versündigen mögen", .dieser Schluß zeugt von der heuchlerischen Haltung, die das Blatt dem Antisemitismus gegenüber beobachtet. Es soll uns gar nicht wundern, die „Deutsche Warte" bald mit fliegenden Fahnen in das Kager der Pseudo-Deutschen einziehen zu scheu. — Ob ihr dies materiell schaden würde? Die Erfahrung, die andere Blätter gemacht haben, läßt diese Frage verneinen. Der Abg. Richter hatte so unrecht nicht, als er eines Tages die Behauptung aufstellte, die „Staatsbürger- Zeitung" wäre längst eingegaugen, wenn sie nicht so viel von Juden unterstützt würde durch Abnahme des Blattes im Straßenverkauf und durch Zuwendung von Inseraten. lieber die „Judcnannoncen" dieses Blattes ist schon oft hüben und drüben gesprochen worden, jetzt weist solche auch das „vornehmste" und bissigste Autisemitenblatt, die „Tägliche Rundschau" auf. Eine der angesehensten Berliner Firmen, der selbst der Antisemitismus bisher nichts auhaben konnte, prangt mit einer großen Anzeige in diesem Blatte. Nun werden andere jüdische Firmen folgen, weil sie aus Geschäftsinteresse glauben, diesem Beispiele folgen zu müssen. Die demokratische „Berl. Ztg." bemerkt hierzu: „Tie Quittung über den dankenden Empfang der Jnsertionsgebühren finden die Herren gleich im politischen Teile. Dort heißt es über die Schimpsrede Ahlwardt's, der die Juden „Raubtiere, Eholernbazillen, Gesindel, Parasiten" nannte, folgendermaßen: „ . . . und so kam noch AHIwardt zum Wort, der eine entschieden vorzügliche und wirkungsvolle, wenn auch in den Ausdrücken nicht gerade wählerische Rede hielt, die vom dichtbesetzten Hause mit der allergrößten Spannung angehört wurde, was Richter, der sich als den giftigsten, wulgejchwollensten Philosemiten geberdete, so außer Rand und Band brachte, daß er, der schon vorher die echt freisinnige Unanständigkeit der Vergewaltigung des kleinen (Gegners be gangen hatte, sich zu einer Flegelei gegen den Präsidenten Hinreitzen ließ, die dieser aber unter dem drötznenden Beifall des Hauses mit schneidender Schärfe zurückwies." Juden, welche die Verteidiger des rüpelhaftesten Radauantiscmitismus unterstützen, weil sie sich geschäftliche Vorteile davon versprechen, können sich freilich nicht darüber beklagen, wenn sie mit Ahlwardt'schein Matze gemessen werden und wenn ihr „Geschäftssinn" so beurteilt wird, wie es in der antisemitischen Presse Brauch ist. Die Gesinnungstüchtigkeit solcher Leute steht nicht um einen Deut höher, als diejenige der ehrenwerten „Rundschau" der Bundesbrüder Lange und Hempel, welche die Inden im politischen Teile beschimpfen und unter dem Schlachtruf „Lauft nicht bei Juden"! gegen sie Hetzen, im übrigen aber schmunzelnd deren koscheres (Seid einstreichen, um dafür im Inseratenteile skrupellos Reklame für sie zu machen". — Wir haben dem nichts hinzuzufügen. — Dr. Leopold v. Sach er-Mas och ist am Sonnabend Morgen in Lindheim in Qber-Hessen etwas über (iO Jahre alt im Wahnsinn gestorben. Sacher-Masoch warte in Jude, wie er dies selbst oft zu behaupten Gelegenheit nahm und wie es jedem, der seine Schriften kennt, sofort klar werden mußte. „Der diese Bücher geschrieben hat, ist kein Jude", konnte man mit dem Richter Nriel Äcosta's sagen nach der Lektüre der Sacher-Masoch'schen Erzählungen aus dem jüd. Leben. Diese litterarische Gegnerschaft kann und darf uns aber nicht hindern, dem entschlafenen Unglücklichen ein Wort herzlichen Tankes in das Grab nachzurufen für das Gute, das er gewollt, für die stete Bereitwilligkeit, allen Unterdrückten, nicht i» letzter Reihe alle» unterdrückten Juden beizuspringen. Sein Name wird trotz alledem in jüdischen litterarischen und Leserkreisen nicht so bald vergessen sein. Er ruhe in Frieden! Als eine Ehrenerklärung für die Berliner- Juden möchten wir eine Ansprache des Abgeordneten und Stadtverordneten - Vorstehers Dr. Langerhans in einer am Sonntag im Wintergarten des Eentral-Hotels abgehaltencn freisinnigen Versammlung bezeichnen. Dr. Langerhans verwies u. a. auf die letzten Judendebatten im Reichstage und erklärte, es sei für ihn beschämend, in einem Reichstage zu sitzen, in dem solches Zeug überhaupt zur Beratung kommt. Lebhafter Beifall der Zuhörer begleitete diese Worte. Er fuhr dann fort: Er als Stadtverordneter in Berlin könne bezeugen, daßkau in e i n w ohlh a b e n d e r I n d e st e r bc,. ohne an seine Mitbürger, und nicht nur an die jüdischen, sondern auch an die christlichen Mitbürger zu denken. Die im Reichstage gefallenen Redensarten seien so unerhört und ekelhaft gewesen, daß sie den größten Abscheu erregen mußten, und der Präsident des Reichstages hätte so etwas niemals dulden dürfen. Solche 'Worte aus solchem 'Munde entschädigen uns für manche Unbill. * Aus Qestorreich. Die Affaire Lönigswarter will noch immer nicht zu Ruhe kommen! Vor einigen Tagen hat nämlich Frau Josephine Paul-Schiff, die Schwester des Universalerben Baron Herrmann K. durch ihren Rechtsanwalt dem Vertreter des Universal-Erben erklären lassen, daß sie das Universal-Erbrechr, respective die Erbwürdigkeit ihres Bruders Hcrrmauii Freiherr von Königswarter im Prozehwege ausechte und die gerichtliche Entscheidung darüber anrufen werde, ob er durch seinen Glaubenswechsel nicht erbunwürdig geworden sei Frau Josephinc Paul-Schiff hat nun in der Thal eine selbständige Erbserklärung zum vierten Teile des Gesamtnachlasses (24,000,000 Gulden) überreicht und wurde infolge dessen vom Handelsgerichte in Wien augefordert, die Erbschaftsklage zu überreichen. Als Grundlage des ErbschastsprozefseS dient der Klageführenden nachstehende Stelle im Testamente des Erblassers: „Im Laufe der Zeiten" — so lantet diese Stelle in dein Testamente des Freiherr» Moritz v. Königswarter — „seit meiner Kindheit bis zur Gegenwart, hat sich eine radikale Aenderung in allen religiösen Anschauungen vollzogen, und die Anhänglichkeit an die vererbten Traditionen und der Sinn für Pietät ist nahezu geschwunden. Die Wahrnetzmung bekümmert mich aber noch mehr, wenn ich meinen Blick in die Zukunft werfe, und deshalb lege ich den größten Wert darauf, daß meine Descedenten nicht allein meine Grundsätze und Ansichten kennen, sondern stets in denselben Wegen wandeln mögen, um hiedurch mein Andenken zu ehren und dem ererbten Namen thunlichst gerecht z» werde». Von diesem Wunsche gelenkt, verordne ich, daß, falls inein Enkel Johann Alerander dem väterlichen Glauben entsagen sollte, sei es durch Uebertritt zu einer anderen Konfession oder durch Konfessionslosigkeit, oder