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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 172 (sequence 12)
Language
German
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Seite 172. JefcHurun. Nr. 11.!' i biedere Gesinnung, euer offenherziges Handeln, das darum der Schlauheit und List so oft zum Opfer fällt. Von euch ist jede Ränkesucht und Jntrigue so fern, daß ihr dergleichen gar nicht voraussetzt und darum nicht durchschaut. Kennt ihr jene falschen Italiener da drüben nicht, die euch, das Reich und den Kaiser so oft hinter das Licht geführt und ihnen so unsäglichen Schaden gebracht? Wem gebühret die Herrschaft der Welt, wenn nicht euch und euren tapfern Schwertern?' Und wer besitzt sie? Haben jene Romanen euch nicht verdrängt und geschwächt, Provinzen euch entrissen, selbst eure nächsten Verwandten, die Holländer und die im Norden euch abtrünnig gemacht, daß die Schweden und Dänen sich jetzt ihrer Lettern bedienen, ihr aber nur noch auf das Herz von Deutschland beschränkt seid? Wo müßtet ihr also zu finden sein? N'cht auf der Seite aller schwachen und bedrängten Nationalitäten? Müßtet ihr nicht diese zu euren Bundesgenossen machen, um so den ehrgeizigen Plänen der Römlinge eine neue Universalherrschaft zu gründen, einen unüberwindlichen Damm entgegen zu stellen? Wollet ihr eure ewigen Feinde noch mit eurem Herzblute nähren und stärken? lind wie? Habt ihr nicht erst gestern ein großes Werk eines eurer größten Gelehrten „die Geschichte der Toleranz" gesetzt, in welchen! er die schwierige Frage beantwortet: ob Adam im Paradiese gegen die schwüchern Geschöpfe schon Toleranz geübt, obgleich die Eva über die Stiche und Bisse derselben geklagt habe? Wollet ihr nun dieser selbigen Toleranz, die ihr gestern den Völkern gepredigt, heute so offenbar ins Gesicht schlagen? Das könnt ihr nicht, ihr biedern, redlichen, Wahrheit und Treue liebenden Deutschen!" — Nun, was für eine Wirkung brachten diese trefflichen Reden der hebräischen Abgesandten hervor? Die vorderen Reihen der Griechen lauschten entzückt den wohltönenden Phrasen des Gimmels und hätten sich wohl von ihm überreden lassen. Aber hinter ihnen wimmelte es von dem lumpigen Pöbel der Neuhellenen, die von Plünderung und Raub geträumt und schrieen: „Hinweg mit dein Judas! Nieder mit den Feinden des Kreuzes!" und sie drängten sich um die Phalanx ihrer Altvordern herum, um gegen das Lager der Hebräer zu rücken. Auch die Lateiner stutzten nur eine kurze Zeit, dann hörte man aus ihrer Mitte den Ruf: „Die Römer verhandeln mit dem Feinde nur im Herzen ihrer Hauptstadt! Nieder mit den Printern!" Und schon setzten sich ihre ersten Reihen wieder in Bewegung. Nur bei den Deutschen hatte das kluge Wort des Sain Gehör gefunden. Ihre Führer traten zu einer Beratung zusammen. Gefüllte Krüge wurden ihnen gereicht und rasch auf das Wohl des einigen Deutschlands geleert. Dann begann man sich zu räuspern und lange Reden zu halten, wie man es auf Reichstagen und Nationalversammlungen gewohnt ist. Das kluge Jud hatte die Augen überall und schnell seinen Entschluß gefaßt. Es deckte den Rücken seines Heeres gegen das hellenische Gesindel durch einige Schwerbewaffnete und galoppierte dann auf seinein Lamed auf den höchsten Punkt des ganzen Pultes. Es hatte sich dazu das ungeheure Lamed aus dem Tittelblatte eines Folianten gewählt und nahm sich daher von der Höhe dieses Recken ganz stattlich aus. Dann rief es selbst mit mächtiger Stimme aus, wie sie so oft in einem kleinen Körper wohnt, wenn die Brust nur geräumig uud die Lunge gesund ist. „Brüder, Freunde, Genossen, wollet ihr denn wirklich, daß wir alle im brudermörderischen Kampfe fallen sollen? Bedenkt doch, was unser wartet! Wenn morgen früh unsre zweibeinigen Herren kommen und sehen die Vernichtung, die wir angerichtet, selbst die vielen Leichen und Verwundeten, und wie wir alle, die lebend und gesund geblieben, dadurch unbrauchbar geworden, weil so viele fehlen und verstümmelt sind, so nehmen sie uns alle, Hebräer und Griechen, Lateiner und Deutsche, und verdammen uns zum qualvollsten Feuertode. . . Wir werden in den Schmelzofen geworfen, das Feuer ergreift uns, unsere Glieder zucken und sprühen unter unsäglichen Schmerzen, wir verlieren unsre Gestalt und werden zu einer flüssigen Masse, die dann wieder in die Formen hineingegossen und gepreßt wird. Was dann unser Schicksal sein, als was jeder von uns wieder hervorgehen werde, liegt im dunkeln Schoße der Zukunft. Dies wird unser aller Schicksal sein, wenn wir den Kampf fortsetzen, nicht wir, nicht ihr werdet ihm entgehen!" Diese Rede brachte die tiefste Wirkung hervor. Schrecken und Angst bemächtigten sich des großen Haufens. Allerdings gab es noch viele, die, von Kampflust ergriffen oder von Haß gegen die armen Hebräer erfüllt, die Schlacht sortsetzen wollten, es folge daraus, was wolle. Dadurch entstand eine große Verwirrung, alles geriet unter einander und niemand konnte das Ende absehn — als der Mond eben hinter dem Dache des gegenüberliegenden Hauses verschwand uud völlige Dunkelheit wieder eintrat. Jetzt konnten Freund und Feind sich nicht mehr unterscheiden und jeder mußte ruhig auf dem Platze bleiben, wo er sich gerade befand. Als am andern Morgen die Setzer wieder in den Saal traten und zu ihren Pulten gingen, fanden sie die heilloseste Unordnung. Sie konnten natürlich die Ursache nicht wissen und nur die Lehrlinge trugen Scheltworte und Stöße davon, weil sie, wie man voraussetzte, nicht aufgeräumt oder bei einer harmlosen Balgerei die Unordnung bewirkt Hütten. Mit vieler Mühe ordnete man die Lettern in ihre Kästen. Am selbigen Tage wurde das hebräische Werk, für welches man die Lettern dieser Sprache an den hervorragenden Platz gebracht, beendet, und sie wurden, um irgend einen gelegentlichen Gebrauch von ihnen zu machen, an verschiedenen Ecken und Seiten verteilt untcrgebracht. Somit war die Ursache des Kampfes aus dem Wege geräumt, und wenn auch bisweilen hier oder da eine örtliche Rauferei gegen sie entstehen sollte, konnte doch ein allgemeiner Krieg gegen sie nicht wieder geführt werden. Wochen-tLhronik. Bürgerliche Verhältnisse. - Der Beobachter. Das in Berlin erscheinende „unparteiische" Tageblatt „Deutsche Warte" scheint den Weg anderer unparteiischer Blätter gehen zu wollen: in das antisemitische Lager. In einem Epilog zu den Verhandlungen der beiden letzten „Schwerinstage" im deutschen Parlament stellt der gelehrte Leitartikler des Blattes es so dar, als wären die deutschen Juden sämtlich aus dem Osten eingewandert und wiederholt mit anerkennenswerter Gewandtheit auf knappem Raume alle Tiraden, die wir in den Preßorganen der „Reinen" zu finden gewöhnt sind. Der Schluß des Elaborats, der wie folgt lautet: „Es ist zwar das unbestreitbare Recht der Majorität, andere Nassen von sich ab-

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