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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 139 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9. Jofchurun. Seite 199. erhalten die ins zuin I. April erscheinende» Nummern kostenlos. Bei der Bestellung genügt die einfache Mitteilung der vollständigen Adresse mittels Packet- oder Reichspostkarte. Mbivohl die Richtung unsres Blattes aus dem Inhalt desselben deutlich hervorgeht, so werden wir, wie bisher, auch Erwiderungen gern Raum geben. — Am 21. d. M. fand die Einweihung der neu gegründeten jüdischen Lesehalle statt. In den Räumen derselben, 9 schönen Parterrezimmern in der Burgstraße 10 hatte sich eine stattliche geladene Bersammlung eingefunden. Herr- Professor Martin Philipp so n eröffnete die Feier mit einer längeren Rede, in der er die Aufgabe des neu gegründeten Instituts präzisierte. Dasselbe habe in erster Linie eine geistige Aufgabe zu erfüllen, die Schätze der israelitischen Litteratur und des jüdischen Geisteslebens in Vergangenheit und Gegenwart den weitesten Kreisen zugänglich zu machen. Außerdem sei eine soziale Aufgabe zu erfüllen durch die Erlangung möglichst großer materieller Vorteile für die Besucher der Lesehalle (Was soll das heißen? Reö.) und durch die Schaffung von Räumen, wo diese sich wohlfühlen könnten, allmählich die Organisation eines Iünglingsheims zu erstreben. Zur Zeit sei nach dieser Richtung hin schon ein Anfang gemacht, indem man unter anderen eine Nnterrichtsvermittelung einrichte. — Wir müssen uns des Raumes halber leider versagen, auf diese Rede wie auf die folgenden einzugehen. Ein gemeinsames Festmahl hielt nach der Feier die Teilnehmer in zwangsloser Form beisammen und auch dabei wurde manches gute Wort gesprochen. Uebrigens findet die Lesehalle in der That allgemeines Interesse und der Besuch von 90, manchmal 50 Personen an einem Tage zeigt am besten, daß sie ein wirklich vorhandenes Bedürfnis befriedigt. A — Im Hotel „Münchener Hof'- Spandauerstraße 19 versammelte sich am 19. Februar aus Einladung eines provisorischen Komitees ein großer Teil der Berliner jüdischen Lehrer zur Begründung eines „Vereins israelitischer Lehrer- Berlins." Nachdem durch Aeelamation Herr Rektor Dr. Adler zum Vorsitzenden der Versammlung gewählt worden war, wurden die Zwecke, die der zu bildende Verein erstreben soll, eingehend erörtert. Einstimmige Annahme fand schließlich folgende Formulierung: „Der Verein hat zum Zweck: a) Die Förderung seiner Mitglieder auf dem Gebiete des jüdischen Religions-Unterrichtes, 1>) die Behandlung sonstiger die israelitischen Lehrer betreffenden Fragen, >) die Pflege der Kollegialität. Hierauf wurde ein geschäftsführender Ausschuß, bestellend aus den Herren: Rektor Dr. Adler, Lehrer Remack, Lehrer Abraham gewählt, der die Vereinsstatnten entwerfeil und dieselben der nächsten Versammlung vorlegen soll. Diese Versammlung, in der auch die Wahl des Vorstandes vorgenoinmen werden wird, findet Dienstag, den 5. März pünktlich 9 Ubr abends im „Münchener Hof" Spandauerstraße 19 statt. Zn derselben sind alle diejenigen Lehrer eingeladen, die den Bestrebungen des Vereins sympathisch gegenüberstehen. Erwähnt sei noch, daß bereits in der konstituierenden Versammlung die Ausgestaltung des Vereins zu einem Provinzialverein israelitischer Lehrer Brandenburgs in Erwägung gezogen wurde.!>. — Am klö. d. M. hielt der berühmte Kinderarzt Pros. Dr. Ad. Bag in s ky einen interessanten Vortrag über „Die hygienischen Grundzüge der mosaischen Gesetzgebung" — zu Gunsten des Vereins zur Unterstützung jüdischer Gelehrter. Die hygienischen Vorschriften des großen Gesetzgebers Ni ose, führte der Redner aus, sind bewnnderswert, was bereits Johann Peter Frank in seinen Schriften mit Begeisterung hervorhob. Die Grundlagen der mosaischen Hygienie bilden die konsequent durchgesuhrten Keuschheitsgesetze, des Pentateuchs, die sich bis in das Tier- und Pflanzenreich erstreckten. Die richtige Wertschätzung der Arbeit und der sie ergünzenden und ermöglichenden Ruhe trug auch zur Ge sundnng des jüdischen Stammes bei, der zähe allen Gefahren trotzen konnte. Die große Bedeutung der hygienischen Vorsorge des biblischen Gesetzgebers gelangt aber erst recht in einer Reihe von Einzelheiten zum Ausdruck, die trotz ihrem religiös-sittlichen Charakter, eine Betrachtung ans dem Gesichtspunkte der Heilkunde znlassen. Zu diesen Geboten gehören die Speisegefetze, die Verordnungen über Reinheit und Unreinheit und die Bestimmungen bezüglich des Aussatzes. Das Verbot des Blutgennsses kann in Rücksicht ans die in demselben enthaltenen Kranksheitsstoffe erlassen worden sein. Die Weich- und Kriechtiere waren verpönt, weil deren Genuß oft gesundheitsschädliche Folgen hat. So wurde erst in neuester Zeit von autoritativer Seite der Typhus mit dem Ansterngenuß in Verbindung gebracht. Bei der Hitze des Orients ist auch die mosaische Vorsicht beim Fischgenuß begreiflich. Die folgerichtige Vorsicht bezüglich der Reinheit in serueller Beziehung steht unerreicht in der Gesetzgebung der Völker da. Eine weise Furcht vor Ansteckung giebt sich auch aus allen Berichten über Seuchen kund, wo übrigens die Statistik zum ersten Male in den Dienst der Hygiene tritt, indem die Zahl der Opfer, die die Seuche gefordert, genau angegeben wird. Die Furcht vor Ansteckung, die die Ausrottung der physisch verkommenen Völkerstämme einigermaßen rechtfertigt, hinderte indes die Priester nicht, thatkräftig der Seuche entgegenzutretten. So eilte Aron mit seinen Räucherpfannen schleunigst herbei, als plötzlich eine Krankheit im Lager ausbrach. Die Priester, diese Sanitütsbeamte, konnten ihre Aufgabe stets erfüllen, weil die Pflicht der Anzeige eines jeden bedenklichen Krankheitsfalles bestand. — Der Vortrag war, insoweit die naturwissenschaftliche Seite der biblischen Gesetzgebung beleuchtet wurde, von größter Wichtigkeit; die exegetischen Auslassungen des Vortragenden hingegen verrieten, was er selbst bescheidentlich bemerkte, den Laien. Er hält so manches für eine Offenbarung, was längst seitens der Wissenschaft der Rumpelkammer rationalistischer Unwahrscheinlichkeiten zugewiesen wurde. Viele seiner Behauptungen, die er kategorisch hin stellte, sind hypothetischen Charakters. So ist mindestens nicht sicher, daß die Wendung, „damit sie nicht sterben", welche teilweise die hygienischen Gebote begleitet, wirklich, wie der Herr Redner meinte, einen Hinweis auf die natürlichen bösen Folgen hygienischer Unterlassungssünden enthält; denn dieselbe Wendung kommt au Stellen vor, die eine solche Deutung nicht znlassen. So ist es ferner sehr zweifelhaft, ob dem Aussätzige», wie der Herr Professor meint, besondere ärztliche Behandlung seitens des Priesters zu teil wurde; denn die heilige Schrift, die sich in Einzelheiten über diese Krankheit ergeht, hätte ein so wichtiges Faktum nicht verschwiegen, hätte dem Priester verschiedene Verhaltungs maßregeln und Ratschläge für sein Heilsverfahren erteilt.

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