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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 134 (sequence 6)
Language
German
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Seite 134. JefcHururr. Nr. 9. G seine Teisnahnie ihnen zeigen, daß er ihre Bitternisse nach empfindet. Hier hören wir aus Moses Seele eine Saite tönen, deren Klang iin ganzen Altertum, das in dieser Beziehung bis an die Kreuze der Neuzeit reicht, nicht vernommen wird. Sklaverei war damals durchaus nichts Unerhörtes, um Teilnahme fordern zu dürfen. Platon und Aristoteles würden an Moses Stelle kalt behaupten: Sklaverei ist eine Einrichtung, die zur Erhaltung des Staates uonvendig, also ist sie auch gerecht. Freie oder gar Edle des Volkes würden im Sklaven nimmer ihren Bruder erkennen. Die unterschiedslose Anerkennung der Menschenwürde und die Teilnahme an den Mißhandlungen, die ihr von seiten der Gewalt widerfährt: das allein hebt Mose über den Gesichtskreis des ganzen Altertums hinaus, das allein macht ihn zu einem der stärksten Träger der sittlichen Weltanschauung überhaupt. Doch es wäre ein Irrtum in diesem Verhalten blos den Ausdruck einer weichen, zärtlich empfindenden Seele zu erblicken, etwa desselben Gefühls, das in Pharaos Tochter erwachte, als sich ihr Herz um des kleinen, dem Tode ausgesetzten hebräischen Knaben erbarmte. Empfindsame Seelen sind zum Mitleid, nicht aber zu Heldenthaten geboren. Wenn Mose einen Israeliten mißhandeln sieht und er erglüht in seiner Seele und schlägt den Egypter nieder, war das auch ein Ausdruck des Mitleids nur? War es da der fremde Schmerz, den er als eigenen empfand und abwehren wollte? So weit reicht das natürliche Mitempfinden nimmer. Mose mar über den schnöden Mißbrauch der Gewalt, wie sie der Egypter zeigte, empört, weil er sie als eine Mißhandlung des Heiligsten in seiner eigenen Seele empfand. Das ist der eigentliche Grund, aus dessen Tiefen Moses Kraft zu Thaten sprudelten. Den heiligen Willen Gottes, der die Unantastbarkeit der Menschenwürde fordert, trug er als das höchste in seiner Seele scharf ausgeprägt. Das war die starke Macht, als deren dienendes Werkzeug er seine ganze Persönlichkeit betrachtete. Sie, die bei allen anderen Sterblichen Endzweck alles Seins und Geschehens bildet, war ihm nur Werkzeug zur Vollbringung des heiligen Willens, den er im Busen trug. Sich überall dort in die Schanze zu schlagen, wo brutale Gewalt jenen heiligen 'Willen Gottes verletzte, mußte von diesem Standpunkte sich als selbstverständlich ergeben. Mose erschlägt daher ganz ohne Wahl und Ueberlegung den Egypter. Es war dies bei ihm nicht blos die Eingebung einer augenblicklichen Aufwallung, sondern Grundsatz — man könnte besser sagen Leidenschaft — dem er nicht auszuweichen vermochte. So sehen wir ihn in Midjan von demselben Geiste getrieben, als er die Partei der angegriffenen Töchter Jithros ergreift und die ruchlosen Hirten verjagt. Hätte er damals nur in einer augenblicklichen Aufwallung gehandelt, der verscheuchte Flüchtling wäre durch die böse Erfahrung gewitzigter geworden, zumal auf fremdem Boden, wo zu allen Zeiten ein leifes, behutsames Auftreten noch das einzige Mittel ist, das einem Fremdling Halt gewährt. Das waren die Mächte, die in Moses Busen walteten. (Lchluß^folgt.) Feuilleton. Drs Vaters Schi». Erzählung von Moritz Scherbel. (Fortsetzung). Der alte Reinseld sprang von seinem Sitze auf. Gewaltig schwollen die Adern auf seiner Stirn und die hochgerötcten Wangen zeigten, in welcher Wallung sein Blut sich befand, das in wilder Strömung nach oben drängte. Der Manie zitterte an allen Gliedern, als er mit vibrierender Stimme rief: „Also einen Vorwurf »rächst Du mir aus dem Guten, das ich Dir zu thun vermeinte! — O der Erfahrung, die ich machen muß, daß das der größte Jammer ist, den man sich selbst bereitet" keuchte er und mußte schließlich inne halten, weil der stoßende Atem ihm das weitere Sprechen unmöglich machte. „Das wollte ich nicht, lieber Vater," suchte ihn sein Sohn zu beruhigen „aber ich mußte die Wunde bloß legen, arr welcher sich mein junges Leben verbluten wird. Und wäre es auch nur dieses allein! Was liegt an einem einzigen Menschenleben? Allein ich weiß, daß damit auch die Knospe eines Mädchendaseins gebrochen wird, die frisch und froh in die Welt hinein wuchs. Sic sah mit rnir zugleich Glück und Seligkeit aus der Himmelsspende der ersten Liebe, aber sie ahnte das Gift nicht, das sie dabei mit einschlürst. Sie muß, wie ich, daran zu Grunde gehen, wodurch wiederum der Friede einer ganzen Familie vernichtet wird. Saget nun selbst, ob das Leben noch für mich einen Wert hat, haben kann?" — Die Mutter Ludwigs rang, im Zimmer auf und niedergehend die Hände. Ihr Gatte saß, keines Wortes mächtig im Lehnstuhl, er schwieg, aber das heftige Heben nnd Senken seiner Brust verkündet uns den Sturm, der in seinem Innern tobte. „Aber um des Himmels Willen" nahm jetzt Elise, die älteste Tochter des Bankiers das Wort: „Läßt sich denn aus diesem fürchterlichen Dilemma gar kein Ausweg finden? Sind denn alle Mächte gebunden, die ein Verhängnis von solcher Schwere und Unheilstiefe zu beseitigen im Stande wären? Werden ja sonst so viele Ehen mittels des Zivilgesetzes zwischen Juden und Christen geschlossen, weshalb nicht auch hier diesen Weg einschlagen?" — „Dieser Fall ist, Elise, erwiderte Ludwig - „hier gar nicht in Aussicht zu nehmen, denn abgesehen von der Unnatürlichkeit, die in einer Ehe, die von einer Jüdin und einem getauften Juden geschlossen, lüge, vor der ich selbst zurückschrecke, so würde der Vater Emiliens nie nnd nimmer seine Einwilligung zu einer solchen Verbindung geben. Dafür habe ich ihn kennen gelernt, kennen gelernt für einen braven Mann, der auch eine ererbte Verpflichtung mit der eisernen Strenge fest hält, als hätte er selbst darauf geschworen; er ist Jude in der immensesten Bedeutung des Wortes. Misset darum die Sache einstweilen auf sich beruhe». Ich bin mir noch nicht bewußt in wie weit meine Kräfte bei diesem fürchterlichen Kampfe reichen. Noch will ich versuchen den Weg zu finden, der mich Euch, meinen guten Eltern gegenüber gerecht macht. Wie ich mich aber dabei mit meinem eigenen VHerzen werde.abfinden^uud jene werde

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