Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. § , f ch u r u n. Seite 18k). schauen können, die ja so innig mit meinem eigenen Schicksal verknüpft ist — das weiß der Himmel. - —^- „Hier hast Tn nun die offene Darlegung der Seelenpein, die mich zu Boden drückt, die mich an mir selbst verzweifeln läßt, hier hast Du die Enthüllung des unseligen (Geheimnisses, das ich bisher mit mir herumgetragen. Du halt zugleich erfahren, in wieweit Deine Familie dabei in Mitleidenschaft gezogen ist: — sage ob du mir zürnen, ob Tu den Freund verurteilen, verdammen wirst, der in dieser Weise die ihm entgegengebrachte Sympathie gemißbraucht hat?" —^ sprach Ludwig zu Eduard, in dessen Zimmer die beiden Studiengenossen sich befanden. Auf dem Tische stand eine brennende Lampe und beleuchtete eine Anzabl von Büchern und Skripturen, die ans ihm herumlagen. Es vergingen hierauf einige Minuten des peinlichsten Schweigens, unterbrochen nur von dem Ticken des an der Wand hängenden Regulators. Eduard ging, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab. Endlich vor dein auf den Sopha sitzenden Freunde stehen bleibend, erwiderte er diesem mit einer Stimme, welcher die innnere, heftige Bewegung deutlich abznhören war: „Ich kann Dir nur sagen, Ludwig, daß das, was ich jetzt von Dir vernommen, mich in eben dem Maße überrascht wie erschreckt hat. Wenn mein aufrichtiges Bedauern dazu beitragen kann. Dir Deine Seelengual zu lindern, so hast Du es in reichster Fülle. Und doch kann ich Dir den Borwurf nicht ersparen, in dem, was meine Familie betrifft, gefehlt zu haben, wenn auch nur Dein Unrecht in der (Geheimhaltung Deiner (Überführung zum Christentum bestand. Wenn Du solches auch nur mir allein offenbart hättest, so würde das sicherlich unserer Freundschaft nicht im geringsten Eintrag gethan haben, aber ich wäre im Stande gewesen jenes Verhältnis zu verhüten, in welches Dich das uneingeschränkte Vertrauen meiner Schwester zu Dir gebracht. Sie gehört, leider! möchte ich fast sagen, nicht zu den Mädchennaturen, welche dergleichen Beziehungen leicht anknüpfen und wieder lösen. Sie und wir alle, die wir durch die zärtlichsten und innigsten Familienbande mit ihr verknüpft, sehen uns jetzt vor eine Zeit gestellt, welche die allertranrigsten Stunden des Plummers und des (Maines über unsere Häupter ausschütten wird." „Das ist es, was nach als Uebelthäter selbst in meinen eigenen Augen hinstellt; allein, wenn jemals ein Unrecht zu rechtfertigen -gewesen, so ist es hier der Fall, wo ich mich einem bcseligendem Gefühle hingab, mich von demselben berauschen, gefangen nehmen ließ, ohne nach der Rechtmüßigkeit derselben zu fragen und mit der Unmöglichkeit seiner Befriedigung zu rechnen; die Seligkeit des Augenblicks verbarg mir das Strafbare der Handlung. Wie ich ohne meine eigentliche Erkenntnis, ohne mein Bewußtsein von der Bedeutung dessen, was mit mir geschah, das Dpfer einer verkehrten Vaterliebe geworden, fehlte mir auch hier die Wahrnehmung von dem Verbote des sich mir darbietenden Genusses. Wenn Tu, Eduard, den Fehltritt beklagen wirst, jo verdamme ilm wenigstens nicht." „Durchaus nicht, bedauernswerter Freund. Ich teile vielmehr das Wehe, das für Dich in dieser, mehr von andern, als von Dir selbst geschaffenen traurigen Situation liegt. Mehr als sonst werde ich dabei an die Lchriststelle „Er ahndet die Sünden der Väter an den mindern" erinnert. — Die Erfüllung dieses Ausspruches vollzieht sich hier in der natürlichsten Weise, wo sich eine Handlung aus verändern aus zwingender Rotwendigkeil ergiebt; es bedürfte dazu durchaus nicht des besonderen Armes von Gott. In des wird mit diesen Reflexionen an der Thatsache nichts geändert, wir stehen vor ihr und haben mit ihr zu rechnen. Wen» ich nun aber auch den von Dir angeführten Entschuldigungsgrund gelten lassen wollte, Ludwig, wie und in welcher Form soll ich den Meinigen den Sachverhalt vorführen, der das, was Sie von ihren Beziehungen zu dir erwartet, so sehr in das Gegenteil verkehrt, wie soll ich meine Schwester mit der Vernichtung des Traumes bekannt machen, den jemals eilt glücklich liebendes Mädchcnherz geträumt?" - „Thue Tn selbst nichts dabei, Eduard" erwiderte jener eifrig. - „Ich, ich selbst will vor die Deinigen treten und bekennen, wie sehr es von meiner Seite Sünde gewesen von der Frucht des Paradieses zu kosten und dabei des Verbotes mir unbewußt, zu bleiben, das demselben entgegenstand. Ich kenne sie, sie werden Mitleid mit mir haben und keinen Stein auf das Grab werfen, das mein ganzes Lebensglück umschließen wird. Ich glaube von dem starken Geiste Emiliens erwarten zu können, daß er diesem Schlage gewachsen sei; sie wird mit mir zu resignieren versuchen und dem grausamen Schicksal zu imponieren verstehen." — „Was?" rief Eduard erstaunt. „Verstehe ich Dich recht, Ludwig, so willst Tu nach L. zu den Meinigen fahren?" „So ist es, und das so bald als möglich." Jener schüttelte das Haupt. „Thue das nicht, das hieße Salz auf die Wunde streuen, würde büben lind drüben die Auslösung des Verhältnisses nur noch schmerzlicher machen. Wie peinlich es mir auch wird, so will ich es unternehmen die Meinigen mit dem bekannt zu machen, was sie so schmerzlich überraschen wird." „Ich muß unter allen Umstünden nach L. davon bringst Du mich nicht ab." „Nun, wenn Du darauf bestehst, so möge es geschehen, aber ich lasse es mir nicht nehmen. Dich dahin zu begleiten." „Das kannst Du thun und ist mir sogar recht lieb. Wir fahren spätestens übermorgen, es drängt mich die schwere Stunde hinter mir zu haben." — „Uebermorgen, meinetwegen; ich werde indes noch heute meinem Vater von unserem bevorstehenden Besuche schreiben." So verblieb es. (Schluß folgt.) Tein Äradische» uacherzählt von Heinrich Michaelis. Ieruschalaim war ein angebautes Feld; zwei Brüder besaßen den Teil des Bodens, wo später der Tempel Salomonis sich majestätisch erhob. Ter eine dieser Brüder war verheiratet und hatte mehrere ztinder, der andere lebte allein. Sie bebauten gemeinschaft. lich den Acker, den sie von ihrer Mutter geerbt hatten. Als die Zeit der Ernte gekommen war, banden die beiden Brüder ihre Garben und machten zwei Haufen daraus, die sie auf dem Acker ließen. Während der Rächt hatte derjenige, welcher unverheiratet war, eine» guten Gedanken. Er sagte sich selbst: „Mein Bruder hat ein Weib und .(linder zu ernähren; es ist nicht billig, daß inein Teil so stark sei wie der feinige. Wohlan, ich will von meinem Haufen einige Garben nehmen uns, sie insgebeim zu den seinigen legen; er wird es nicht wahrnehmen und sie also nicht ausschlagen können." Und er that, wie eigedacht hatte.