Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 0. I«schr»run. Seite 188. Mk Prophet». I. Von Nabbincr Dr. Tanicl Fink, Zwitlou (Aioln'en.) „Der Engel Gottes erschien ihm als eine Fenercrschcinung mitken im Dornbusch, er sah, daß der Dornbusch im Feuer loderte, doch der Dornbusch ward nicht verzehrt. Und Mose sprach: „Ich will doch znrnckweichen, um diese große Erscheinung aiiznschanen: warum wird der Dornbusch nicht verzehrt'? (2. B. M. KP. H. V- 2-8.) In dem brennenden Dornbusch am Fuße des Horebs loderte jenes himmliche Feuer, das Mose in seine Seele ausgenommen hat, als er die Weihe des prophetischen Berufes'empfing. Und alle diejenigen, welche später in seine Fußtapsen getreten und den Beruf in sich gefühlt, als Erlöser Israels oder als Erlöser der Menschheit nuszutreten, sie alle haben einen Strahl des Feuers, das im Dornbusch lohte, in ihrer Seele verspürt. Dort war der eigentliche Herd, in dessen Gluten prophetische Begeisterung, wo sie auch unter Menschen jemals aufgetreten ist, sich entzündete. Diese Thatsache kann nicht oft und entschieden genug betont werden jenen verleumderischen Bestrebungen gegenüber, welche darauf ausgehen, das gesamte Israel, wann und wo es in der Geschichte ausgetreten ist, in die Diese und Niedrigkeit einer pöbelhaften Notte herabzudrücken. Allein der Dornbusch soll für uns nicht blos seine Stacheln gegen die Augen der vielen Ehrabschneider Israels richten und seine Gluten ihnen die Schamröte ins Gesicht schießen machen, die bei sonstigen Menschen das eigene sittliche Gefühl so erfolgreich erwirkt — nein, er soll uns gleich Mose, zu dem Verlangen drängen: „Ich will doch zurttckweichen um diese große Erscheinung anzuschauen". — Eine Betrachtung über die Kräfte, welche im prophetischen Berufe wirksam sind, soll diesen Wunsch erfüllen helfen. Der Name „Prophet" gehört gewiß zu denjenigen Ausdrücken, die jedermann geläufig sind. Befragt man nun die landläufige Volksmeinung, was unter einem Propheten z» verstehen sei, so wird man die verschiedensten Meinungen darüber hören. Die einen werden behaupten: wer Wunder thun, die anderen: wer zukünftige Ereignisse Voraussagen kann, die dritten sogar: wer alles weiß, der ist ein Prophet. In allen diesen Behauptungen liegt allerdings etwas richtiges. Es ist wahr, es wird von vielen Propheten erzählt, daß sie Wunder vollbracht, daß sie zukünftige Ereignisse vorausgesehen, daß sie andere verborgene Dinge gekannt haben. Doch das trifft immerhin nicht den Kern ihres Wesens. Die Bibel nennt auch solche Propheten, die keine Wunder gethan oder die Zukunft enthüllt oder verborgene Geheimnisse aufgedeckt. Was jedoch bei allen Propheten zutrisft, ist die Thatsache, daß sie in unmittelbarem Aufträge Gottes aufgetreten sind. Diese Thatsache schließt aber schlechterdings jede weitere Erörterung aus. Welcher Vorgang sich in der Seele eines Propheten abwickelt, wenn er eine Einwirkung des Gottesgeistes erfährt, ist schon um deswillen zu bestimmen unmöglich, weil er außerhalb jeder uns zugänglichen Beobachtung und Erfahrung liegt. Es erscheint selbst fraglich, ob die Propheten hiervon eine bestimmte Vorstellung ausprägcn konnten. Zur Augenblicke der Erleuchtung war es jedenfalls unmöglich, da die volle Spannung des Geistes von der Sache selbst gefordert wurde, die durch derartige nüchterne Ueberlegungen nicht gestört werden durste. Würde sich dagegen jemand bei sonstigen Gelegenheiten an den Propheten mit der Bitte um Auskunft herangedrängt haben, so bekäme er die verschiedensten Antworten. Amos würde sagen: „Brüllt der Löwe, ibcr würde sich nicht fürchten, — redet der Ewige, wer sollte nicht als Prophet auftreten?" (Am. 8, 8) d. h. fasse Dir einen noch so beherzten Mut, wenn der Löwe Dich anbrüllt, er wird wie nichts verscheucht, und weigerst Du Dich noch so hartnäckig — Gottes Auftrag wird Dich willig machen. Jirmijahu, über dasselbe befragt, dürfte erwidern: „Wenn ich nun dachte, ich will es nicht wieder erwähnen, in seinem Namen fürderhin nicht mehr reden, so empfand ich es in meinein Herzen wie ein zehrendes Feuer, das in meinem Gebein verschlossen, ich ward erschöpft, ohne es zu überwinden, ich vermochte es nicht." (Jirm. 20,!>.) Das will sagen, die Eingebung Gottes, einmal erst empfangen, wird zu einer verzehrenden Leidenschaft; wer sich dagegen ausbäumt, erschöpft seine Kräfte ohne etwas auszurichten, es gtebt da keinen Ausweg, als den willigen Gehorsam. Wenden wir uns endlich an den jugendlich stürmenden Elisa, so laritet seine Auskunft: „Siehe, «nein Leib ist wie Wein, der nicht geöffnet, wie wenn er neue Schlauche bersten macht; ich will reden, daß ich aufatmen kann, meine Lippen erschließen und mich vernehmen lassen," (Hiob, 12, 10—20.) ivoinit er erklären will, daß in diesem Falle überhaupt jeder freie Wille aufhört; die menschliche Rede, sonst ein Akt, der aus reiflicher Ileberlegung und freiwilligem Entschluß hervorgeht, wird hier zu einer unwillkürlichen Aeußerung, für die er ebensowenig verantwortlich gemacht werden kann, wie der schäumende Most, wenn er die Fessel seiner Schläuche sprengt. — Wenn wir demnach nach der inneren, geheimnisvollen Seite über den Vorgang bei der prophetischen Erleuchtung keine unbedingte Auskunft erlangen können, so hat nichtsdestoweniger die Prophetie darum aufgehört, unsere ganze Teilnahme zu fesseln. Wie wird sich der Prophet in seinem sonstigen Verhalten zeigen? Ist der prophetische Auftrag im Augenblicke seiner Entstehung zwar nicht zu erforschen, wie steht es in dieser Hinsicht mit dem ganzen prophetischen Beruf? Die Anschauung ist allgemein verbreitet und wird auch von einer tieferen Sachkenntnis bestätigt, daß die Prophetie nicht blos eiil vorübergehender'Auftrag, sondern einen ausgeprägten Charakter im Wesen des Menschen bildet. Der Gottesbote hat auch, nachdem er sich seines Auftrages entledigt, darum nicht aufgehört Prophet zu sein. Jetzt entsteht die andere Frage: welche Fähigkeiten sind bei » einein Menschen vorauszusetzen, damit er sich als Organ für unmittelbare göttliche Aufträge würdig erweise? Das Verhalten Mose-, bis zu seiner prophetischen Weihe läßt jene Kräfte und das, was man mit ihnen vollbringen kann, deutlich erkennen. Mose ivird von der Tochter Pharaos an Kindesstatt ausgenommen. Glücklich würde sich jedes andere egyptische, geschweige denn gar jüdische Kind gepriesen haben, wenn ein gütiges Geschick ihm solches widerfahren ließe. Mose dagegen findet am fürstlichen Glanze, an dem Glück seiner Stellung kein Belmgen. „In jenen Tagen, als Mose herangewachsen war, ging er zu seinen Brüdern und betrachtete ihre Beschwernisse." (2. B. M. 2, 11). Er als königlicher Prinz erkennt in den gepeinigten und mißhandelten Sklaven seine Brüder. Ihr Geschick erregt ihn in der Tiefe seiner Seele. Kann er es auch nicht von ihnen abwenden, so soll