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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 132 (sequence 4)
Language
German
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Seite '.32. JefeHururr. Nr. 9. den Reihen des Vorstandes, in Herrn Bamberg er, der selbstverständlich gleich, Herrn Jsaac nicht im entfernteste» die Absicht hatte, sichAmit der Willensmeinung des Vorstandes in Widerspruch zu setzen. Dieses Mal war der Liebe Müh umsonst, und der Vorstand setzte seinen Willen durch. Eine ganze Anzahl von Etatstiteln wurde in geheimer Sitzung erledigt. Geben wir nun noch zum Schlüsse dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck, daß für alle Zukunft im Haushalte der jüdischen Gemeinde die Ueberschüsse zahlreich seien wie der Sand am Meere und der böse Feind Dtstzit in diesen heiligen Hallen niemals Einlaß finde! kom lüM. 8. Wien, Februar 1E>. Der Vatikan pflegt sich sonst alle allgemeineren Fragen rasch zu assimilieren und sich über dieselben in dieser oder jener Weise auSzusprechcn, insbesondere dann, wenn sie in irgend einem Zusammenhänge mit der Kirchenpolitik selbst stehen. Daher mußte die Windstille, welche bisher in den höheren und höchsten hierarchischen Kreisen gegenüber der antisemitischen Bewegung herrschte, als sehr auffallend erscheinen. Allerdings glich das Schweigen der Kurie vollkommen dem Schweigen der weltlichen Mächte, welche sich ebenfalls bis jetzt nicht im geringsten gedrängt fühlten, in der Angelegenheit eine entschiedene und dadurch vielleicht eine entscheidende Stellung einzunehmen. Dieses lautlose Zusehen seitens der Kirche fand aber eine rasche Fruktifizierung und nach dem gsni taost, oormorrtirs vickstur konstruierte sich die sogenannte christlich-soziale Partei in Oesterreich nichts mehr und nichts weniger als ein päpstliches Wohlwollen für ibre Agitationen heraus. Ja, diese Partei ging' in der phantastischen Auffassung ihrer Beziehungen zum heiligen Stuhle so weit, daß sie, durchsetzt mit vielen Elementen aus dem niederen Klerus, einen offenen Kampf mit den Kirchenfürsten begann, welcher bekanntlich in einer kürzlich zu Linz abgehaltenen Versammlung der Jungklerikalen den Höhepunkt seiner bisherigen Entwicklung erreicht hat. Der Prinz Alois Liechtenstein war damals in der Lage, ein wichtiges Dokument wie einen undurchdringlichen Schild vor die von ihm vertretene Sache zu halten und in dein christlich-sozialen Lager flogen die Raketen der Siegessicherheit und der Schadenfreude lustig empor, während aus der altklerikalen Seite die Episode mit Bestürzung oder wenigstens mit Kopfschütteln ausgenommen wurde. Denn jenes Dokument war nichts geringeres, als der durch den Kardinal Rampola dem obengenannten gefürsteten Anführer der christlich-sozialen Antisemiten arls Rom intiinierte päpstliche Segen. Es war nun wohl vorauszusetzen, daß sich der österreichische Episkopat von der ersten Aufregung bald erholen und der übermütig gewordenen Schlange, die sich so unmerklich aus denl Unkraut der herrscheirden reaktionären Stimmung herausgeringelt, auf den Kops treten werde. Denn daß die Kleinen sich die Großen unterwürfen, das steht nirgends im Schema der hierarchischen Organisation; ein Kaplan ist kein Bischof und ein Pfarrer kein Kardinal. Daher war es nicht schwer, den Grund der Reise des Kardinals Schönborn nach Rom zu erraten, welcher diese Romfahrt, wie man vermutete, als Ablegat der österreichischen Kirchenfürsten unternahm, um Leo XIIl. über die durch die christlich-sozial-antiscmitische Sekte geschaffene Situation klaren Wein einzuschenken. So scheint es sich in der That zu verhalten; wenigstens steht damit nicht im Widerspruch eine interessante 'Meldung der „Politischen Korrezpondenz", welche folgendermaßen lautet: „Der Aufenthalt des Kardinals Schönborn in Rom steht mit der Frage des Antisemitismus und der i»it derselben verbundenen christlich-sozialen Agitation in Oesterreich im Zusammenhang. Man hat im Vatikan erfahren, daß die Depesche, mit welcher der Kardinal-Staatssekretär Rampolla das an ihn vom Prinzen Alois Liechtenstein vor der Versammlung der Wiener Christlich-Sozialen in Linz gerichtete Telegramm beantwortete, in den katholischen Kreisen Oesterreichs lebhafte Bewegung hervorrief. Nach den dem heiligen Stuhle zugegangenen Mitteilungen soll es nunmehr feststehen, daß die Gesamtheit des österreichischen Episkopats die erwähnte Agitation entschieden mißbilligt. Andererseits werde im Vatikan absolut bestritten, daß das gedachte Telegramm des Kardinals Rampolla eine Ermutigung des Antisemitismus oder eine Gutheißung der Ziele desselben bedeute. Die ganze bisherige Haltung Leo's XI I I. und des heiligen Stuhles schließe eine derartige Auslegung schlechterdings aus, und man betone, daß die apostolischen Nuntien, die in Wien thütig waren, sowie auch der gegenwärtige 'Nuntius, 'Monsignore Agliardi, den Förderern der den Antisemitismus unterstützenden christlich-sozialen Agitation nie die geringste direkte Billigung zuteil werden ließen. Es sei wahrscheinlich, daß man dem Kardinal Schönborn Aufklärungen in diesem Sinne bieten wird, die den Zweck verfolgen werden, den österreichischen Episkopat über die wahren Dispositionen des heiligen Stuhles zu beruhigen". — Die Antisemitenblütter sind über die voranstehenden 'Mitteilungen sehr ungehalten, und eines derselben meint: „Welche Antwort auch Kardinal Schönborn aus Rom bringen mag, auf die Stellung und auf die Kampfweise der antisemitischen Partei kann dieselbe nicht den geringsten Einfluß üben". Doch! Doch! Es ist immerhin möglich, daß der Schwindel mit dem erschlichenen päpstlichen Segen fürder nicht mehr rentabel sein werde, denn noch immer hört man in Oesterreich, wenn in Rom gesprochen wird!*) ») Rach einer, allerdings trüben Quelle, dem antisemitischen „Deutschen Volksblatt" in Wien, soll der Papst eine Stellungnahme in dieser Angelegenheit abgclehnt haben. — Das Hirsch'sche Tclegr - Bureau dagegen meldet aus Rom: Auf die Vorstellungen des Kardinal Schoenbor» gegen die Umtriebe der Christlich-sozialen in Oesterreich antwortete der Papst, das; der Zwiespalt zwischen dem Episkopat und dem niederen Klerus ihn aufs schmerzlichste betrübe. An den Bischöfen sei es, ihre Autoritär »achdrücklichst zu wahre». Der heilige Stuhl werde über die peinlichen Zwischenfälle der letzten Zeit ein klärendes, entscheidendes Wort sprechen; hätte man gewußt, daß die von dem Prinzen Liechtenstein in Linz abgchaltene Versammlung von den Bischöfen mißbilligt worden wäre, so würde das Huldignngstelegramm des Prinzen unbeantwortet geblieben sein. Welche Lesart die richtige ist, vermögen wir hier nicht festzustellen. Vielleicht bringen die nächsten Tage die erwünschte Klarheit. Red.

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