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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-01 · 9 (1.3.1895) · p. Seite 131

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand UB Frankfurt
Issue
9 (1.3.1895)
Date
1895-03-01
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6. Keschriruri. Seite 101. Gottesdienstes am Sonntag, weit entfernt sind, aber durch Einfügung deutscher Gebete neben den hebräischen, durch Predigten oder Schrifterklärungen bei jedem Gottesdienste die Gefühle aller Glaubensgenossen schont und zugleich den religiösen Bedürfnissen .derjenigen entspricht, die in deutschen Gebeten und Vorträgen Erbauung suche». Berlin, 21. Februar. Das mar das Haupt- und Prunktgericht des Menüs, welches den Herrn Repräsentanten der jüdischen Gemeinde Berlins in der letzten Sitzung vorgelegt wurde. Zuvor wurden jedoch noch einige Kleinigkeiten erledigt, in fliegender Eile fast, als könne man die Zeit gar nicht abwarten, um sich dein Genüsse des nur ein einziges Mal im Jahre erscheinenden Budgets hinzugeben. Eine edle Wohlthüterin, Frau Mathilde Behrend, hat der Altersversorgungsanstalt die Summe von lOOOO Mark gespendet, ein Geschenk, das natürlich mit Dank acceptiert wird. Die Pläne zum Neubau des Hospitals werden vorgelegt und die prinzipielle Genehmigung wird erteilt. Desgleichen werden 6200 Mark bewilligt zum Zwecke der Errichtung einer Jnfektionöbaracke im jüdischen Krankenhause. Und nun ist der große Augenblick erschienen. Zu öfteren Malen hat Schreiber dieses Gelegenheit gehabt, auf der Tribüne des Parlaments der Etatberatung als Zuhörer beizuwohnen. Hui, war das ein grimmiges Streiten, wie blitzten die Klingen, wie splitterten die Lanzen, wie prallten da die Kämpfer und die Geister aufeinander, wie einst im grauen Altertum Griechen und Trojaner sich stritten um den Leichnam des Patroklos! Welch ein ganz anderes Bild in dem Sitzungsraume der jüdischen Gemeinde, umrahmt von schönster Harmonie und stillem beschaulichen Frieden, und darüber diesogenannte „angenehme Temperatur" atmend, wie sie Fürst Bismarck einmal vom preußischen Herrcnhause rühmte. Denn glücklicherweise haben unsere Herren Repräsentanten und Vorstandsmitglieder es nicht nötig, sich gegenseitig in die Haare zu fahren, selbst nicht beim Etat. Im Parlamente freilich, da steht ein bekümmerter Finanzminister und weist händeringend ans ein klaffendes Loch — Defizit genannt, in dem schönen Gemälde, Etat genannt. Und wie sollen die Herren Abgeordneten die paar Dutzend Millionen, die notwendig sind, um die Lücke auszufüllen, herbeischleppen- In Geldsachen hört bekanntlich die Gemütlichkeit auf, und wenn der eine immer fordert und der andere nichts geben will, und jeder dem anderen die Schuld an dem Unglück in die Schuhe schiebt, dann wird die Stimmung ungemütlich und der Kampf kann losgehen. Aber Defizit — so etwas giebts ja bei uns nicht, nämlich im Etat der jüdischen Gemeinde. Im Gegenteil, Ueberschuß heißt die Parole schon seit Jahren, und dieses Mal hat sich derselbe zu der hübschen Ziffer von 400,000 Ni. abgerundet. Die einzelnen. Zahlen des Etats haben wir unseren Lesern bereits vor einiger Zeit milgeteilt. Herr Louis Sachs, der das einleitende Referat übernommen hatte, machte seine Sache kurz und gut. Er warf nicht mit Millionen um sich, wie das Finanzminister zu thnn pflegen, aber aus seiner kurzen Rede sprach die ruhige Behaglichkeit, die stille Freude über das Gute, das hier zu Stande gebracht. Klar, übersichtlich, verständlich nannte er den Etat, und er hatte recht. — Von einer Generaldebatte wurde Abstand genommen, und die Spezialdiskussion konnte beginnen. Erster Teil: Einnahmen. Mit sonorer Stimme verliest der Vorsitzende, Herr Landsberger, die einzelnen Titel und Positionen. Nicht ein Ton des Widerspruchs wurde laut; ohne Debatte, mit stillschweigender Zustimmung, wie sie so einnehmenden und wohl ausnahmslos sehr viel einnehmenden Persönlichkeiten wohl ansteht. Einem Finanzministep dürfte so etwas wohl in seinen! ganzen Leben noch nicht passiert sein. Auch des Stückes zweiter Teil fand im allgemeinen eine beifällige Aufnahme. Nur zwei Punkte waren es, wegen derer ein kleines Scharmützel sich entspann. Und — zur Ehre der Herren Repräsentanten sei das hervorgehoben! - das Herz, das echte jüdische Herz war es, das hier sprach. Das Etat der Armenkommission betrug bislang 64 000 M., und die Kommission verlangte nun eine Erhöhung um lOOOO M., während der Vorstand nur 6000 M. bewillige» wollte. Mit eindringlicher Beredsamkeit suchte Herr Justizrat Me per, dem mehrere Herren vom Vorstande sekundierten, auf die Rcpräsentanten-Versammlung einzuwirken. Er meinte, die jüdische Gemeinde sei zu solchen Leistungen garnicht verpflichtet, das sei in erster Reihe Sache der Stadtverwaltung, die Ansprüche werden immer größer, die Abweisungen mehrten sich von Tag zu Tag und dergleichen mehr. Ein anderes Argument führte Herr Lach man n an, indem er darauf hinwies, daß die geforderte Summe aus dem lleberschusse entnommen würde, und wenn das so weiter ginge, kämen die schönen Ueberschüsse in Gefahr. Nicht mit Ün recht entgegnete ihm Herr Justizrat Dr. Ti kt in, grade das sei ein Grund mehr, die Position zu b e w i lli g e n. Mit warmen, vom Herzen kommenden Worten befürwortete Herr Simon den verlangten Mehrbetrag, er wies darauf hin, daß viele Gemeinde-Mitglieder, denen an Spnagoge und Schule herzlich wenig gelegen sei, nur wegen der Wohlthätigkeits - Einrichtungen bei der Gemeinde blieben. Herr L ö w e n b e r g er zählte zur Bestätigung dessen, daß ein Gemeinde Mitglied wegen angeblich zu hoher Einschätzung reklamierte und seine Reklamation zurückzog. als man ihn aus die Wohlthätigkeits Anstalten der Gemeinde verwies, und dazu bemerkte, unter solchen Umständen hätte er nichts dagegen, wenn man ibn noch höher einschätzen würde. Ein unerwarteter, aber darum um so angenehmerer Suecurs wurde den Repräsentanten durch das Eingreifen des Herrn Jsaac vom Vor stände, nicht als ob Herr Jsaac sich mit seinen Ausführungen etwa in Widerspruch mit seinen Kollegen gesetzt hätte. Das wäre ja eine schwere Sünde gewesen wider den heiligen Geist der Kollegialität und Solidarität im Vorstande, und Herr Jsaac versicherte auch drei Mal im Verlause van fünf Minuten, daß er sich keineswegs herauSnchmen wolle, gegen seine Herren Kollegen vom Vorstande zu opponieren. Aber er wußte seine Worte so wohl zu setzen, daß man ibren Sinn im Repräsentanten - Kollegium wohl verstand. Und so siegte denn in diesem Streite das jüdische Herz im Repräsentanten - Kollegium über den bureaukratischen Geist an einer anderen Stelle. 'Noch einmal wiederholte sich dasselbe Schauspiel beim Kapitel „Waisenpflege". Auch hier verlangte die Deputation 5000 Mark mehr, als der Vorstand zu bewilligen geneigt war. Und merkwürdig — genau dieselben Gründe und Gegen gründe, wie vorhin. Auch hier erstand denjenigen Herren, welche für die Mehrbcmilligung eintraten, ein Helfer aus

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