Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand UB Frankfurt
- Issue
- 9 (1.3.1895)
- Date
- 1895-03-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite IM. Jefrtzurrin. Nr. 9. wollen, so bitten wir sie, für ihr pädagogisches Wirken sich ein Feld zu suchen, das ihre» Gebnrtsstätten näher liegt. Was sie in ihrer Jugend gesehen, das hat ihnen — vielleicht mit Necht mißfallen, und »n» erproben sie'an uns, die wir dessen nicht bedürfen, ihre unerbetenen Retterkünste. Ihr Neformeifer — in der Heimat vielleicht berechtigt — reicht bis zur innerlichen Apostasie, die auch äußerlich für ihre Person zu bekennen, ein Nest von Scham sie nbhült. Dem kommenden Geschlecht wollen sie schon die Brücke bauen, die hinausführt, nicht ans dem Ghetto, wie sie sage» - denn das Ghetto existiert nicht mehr — sondern aus dem Judentum. Es ist nicht Zufall, es ist bezeichnend, daß unter jenen Stützen in vorderster Reihe ein Mann steht, der für seinen Knaben einen Religionslehrer suchte, die Erteilung „konfessionslosen" Religionsunterrichts verlangte und für den Fall der Ablehnung erklärte, er werde das Kind an dem christlichen Religionsunterricht teilnehmen lassen. An dem konfessionellen christlichen Religionsunterricht nahm er also keinen Anstoß, nur der jüdische konfessionelle Religionsunterricht widerstrebte seiner Aufklärung, seinem „Liberalismus!" Wie die Stützen, so die Gestützten — wie das liberale Eomitü, so der liberale Gemeindevorstand. Es war eine unbeabsichtigte, aber eine treffende Ironie, daß das Rabbinat der Gemeinde Berlin den Ehrentitel Morenu einem Analphabeten in Iwlnmicm gab. Die Universität Oxford hat den Feldmarschall Blücher, weil er das Recht der Völker auf selbständige Existenz mit siegreichem Schwert hat wiederherstellen helfen, znm Doktor der Rechte gemacht. Zum Doktor der Gottesgelahrtheit aber hat es der Marschall Vorwärts nicht gebracht. Darin ist ihm der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Berlins über: Herr Jnstizrat Meyer, der in Verlegenheit gerät, wenn er ein hebräisches Buch aufschlagen soll, ist zum „Morenu" geworden, weil er ein Vierteljahrhundert an der Stelle, wo er für die Pflege und Erstarkung des Judentums hätte sorgen sollen, in ununterbrochener Unthätigkeit ein ganzes Geschlecht dem Judentum zu entfremden verstanden und für nichts Kraft übrig behalten hat, als für ornamentale Einrichtungen: Prunk synagogen und Friedhöfe. Sein zielloses Umhertappen hat die Gemeinde gespalten, weit mehr noch innerlich als formal, und alle Sorge für das, was inneren Wert und innere Bedeutung besitzt, hat er den abgesprengten Gemeindcteilen überlassen. Wie der Vorstand, so die Repräsentanz! Unter den Erwählten der jüdischen Gemeinde Berlin ist mehr als einer, der nur aus Trägheit oder ans Rücksicht auf sein Repräsentantenamt den Austritt aus dem Judentum »och nicht vollzogen hat. (Ein zweites Kapitel folgt). Zm MiWgrndM in Lnlin Vi. . Von I. We i n Iierq. I. Seit mehreren Jahren hört man, daß die hiesige Gemeinde eine große Synagoge im Westen erbauen will und hierzu einen geeigneten Bauplatz sucht. Woran es liegt, daß dieser noch immer nicht gesnndcn ist, ist schwer zu beantworten; möglicherweise wird er von der jetzigen Verwaltung überhaupt nicht gefunden, denn weder vermehren sich die Baustellen noch ist Aussicht auf deren Verbilligung vorhanden. Daran, daß in dieser Gegend ein Gotteshaus erforderlich ist, zweifeln jetzt endlich auch die Gemeindebehörden nicht, nur hat es den Anschein, als wolle der Vorstand ein Be dürfnis hierfür nur dann anerkennen, wenn in dieser Synagoge der Gottesdienst nur in deutscher Sprache eingeführt werde. Zur Erreichung dieses Zweckes wird jetzt mit Volldampf -gearbeitet, da zu derartigen Kultus-Aenderungen ein Gemeinde- Beschluß erforderlich ist und die jetzige Reprüsentanten-Versammlnng kaum dazu bereis sein dürfte, in so radikale Aenderungen, wie den Fortfall der hebräischen Sprache bei dem Gottesdienste, zu willigen. Um eine gefügige Mehrheit zu erreichen, ist eine anderweitige Zusammensetzung der Repräsentanten - Versammlung erforderlich, und zu diesem Zwecke haben sich einige Herren zusammengefunden. die sich „liberal" nennen und jeden als „orthodox" bezeichnen, der nicht der Ueberzengnng ist, daß das Judentum die hebräische Sprache ans den Gebeten verbannen muß. Wenn sich diese Vereinigung „radikal" nennen würde, könnte hiergegen nichts eingewendet werden, aber liberal ist es keineswegs, nur einen Teil der Mitglieder der Gemeinde und dazu noch einen kleinen Teil allein berücksichtigen und den anderen Teil zu ihrer Uebcrzeugung zwingen zu wollen. Und ein kleiner Teil der Mitglieder ist es in Wirklichkeit, den diese Radikalen hinter sich haben. Der Beweis hierfür ist schon durch die Thatsache erbracht, daß an den hohen Feiertagen die von der Gemeinde im Westen zum Gottesdienst eingerichteten Säle in der Philharmonie und Gesellschaft der Freunde gefüllt waren, während der von der Reformgemeinde gemietete Saal Bechstein in der Linkstraße nur wenig frequentiert wurde. Eines bessern Beweises, daß auch von der übergroßen Mehrheit der Bewohne: des Westens der .Kultus der Lindenstraßen- und Reuen Synagoge demjenigen >»it nur deutschen Gebeten vorgezogen wird, bedarf eö nicht. Eine Vergewaltigung wäre es zu nennen, wenn dieser oder einer anderen auf diametral entgegengesetztem religiösen Standpunkte befindlichen Minorität ein Gotteshaus überliefert würde und die große Mehrheit sich fügen müßte. Die Besucher des Gotteshauses müssen selbst entscheiden, welcher Kultus für ihre religiöse Erbauung geeignet ist, denn für diese große Mehrheit soll das Gotteshaus errichtet werden. Einem einzelnen oder einem aus wenigen Personen bestehenden Kollegium die Entscheidung zu überlassen, wäre ganz verfehlt, da die Zusammensetzung dieses Kollegiums dem Wechsel unterworfen ist, und noch mehr kam: die Ansicht einer einzelnen noch so hoch stehenden Persönlichkeit sich ändern. Während bei der Einweihung der Synagoge in der Lindenstraße vor einigen Jahren der Vorstand der Gemeinde seine von der Repräsentantenversammlnng nicht gebilligte Absicht der Einführung eines rein deutschen Gottesdienstes zu erkennen gab, hat derselbe Vorstand im vorigen Jahre die Schüler der neu errichteten Religionsschulc im Westen in zu Herzen gehenden Worten zur Erlernung der hebräischen Sprache ermahnt, um jetzt wieder den Gebrauch dieser altehrwürdigen Sprache abzuschaffen. Wer bürgt dafür, daß die andere extreme Richtung nicht auch einmal die Mehrheit erlangt und dann die Abschaffung aller deutschen Gebete dekretiert. Die große Mehrheit in der hiesigen Gemeinde, der intelligente Teil derselben gehört weder der einen noch der andern extremen Richtung an, er ist für weise Reformen, die von den radikalen Vorschläge», wie Ausmerzung der hebräischen Sprache, Abhaltung des StrGtu. Univ.-S>dl. I-esnI<furt/>/>2in_