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Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände · 1929-03-01 · 1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungen des Reichsausschusses der Jüdischen Jugendverbände
Volume
2 (1929). Bestand UB Ffm
Issue
1 (3.1929) Sonderheft: Soziale Woche in Seesen
Date
1929-03-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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wohl die dazu notwendige Geiarmjumme keineswegs die Wittschaftskraft des deutschen Judentums überschreiten dürfte. In einigen Groszgemeinden ist allerdings ein grundsätzlicher Neuaufbau der Wohlfahrtspflege zu bemerken, H er wird erkannt, dass neuzeitliche Fürsorge mit Almosengebcn nichts mehr gemein hat. Hier werden jüdischen Sozialbeamtcn Wirkungsmög,lichkeite» eröffnet, und es entwickelt sich auch im jüdischen Kreis immer mehr dir Idee des Anspruchs auf Fürsorge, die von dem Gesichtspunkt der Würdigkeit des Bedürftigen nicht mehr auszugehcn hat. Es ist außerordentlich schwer, eine Sachdarstellung der gegenwärtigen jüdischen Wohlfahrtspflege zu geben, besonders schwierig, wenn es sich um ihren sozial- und bevölkerungspolitischen Teil handelt. Man gibt dann tm allgemeinen mehr ideologische Forderungen als sachliche Darstellungen, weil überall erst nur Ansänge einer neuen Einstellung zu all diesen Fragen zu bemerken sind. Hinzu konimt, das; für eine fachkundige Bearbeitung und Darstellung jüdischer Sozial- und bevölkerungspolitischer Probleme in Deutschland kein entscheidendes Material vorhanden ist. So mutz auch die Be« urtükung der gegenwärtigen Wirtschajlssiruation der deutschen Juden darunter leiden, dasi wir gegenwärtig aus Zahlenmaterial angewiesen sind, das zwanzig und mehr Jahre alt ist. Wir sehen Symptome, ohne die Ursache» in ihrem ganzen Umfange zu erkennen. Wir stellen ein schleichendes Hinausdrüngen aus vielen Berufen sest, die die Juden srüher völlig beherrschten. Der alte Ausstoßungsprozcß des Juden aus gesättigten Wirtschaften ist im gegenwärtigen Deutschland besonders gut zu beobachten. Dieser Prozeß nimmt zwar noch nicht Formen an wie in Polen, wo vo« Staats wegen ganze Wirtscha tszweige den Juden verschlossen werden. Es ist merkwürdig, zu beobachten, dasi dieser Ausstoßungsprozest in Deutschland bei den unteren Angestclltenbcruftn und bei den kleinen selbständigen Existenzen beginnt. Diese Wtrtschastsumschichtung trifft deshalb die Juden lo außerordentlich schwer, weil sie eine ganz ungesunde Berufsstruktur ausweisen. Die letzte uns zugängliche Berufszählung von 1907 zeigt, daß 50 Prozent aller Juden im Handel, 20 Prozent in der Industrie, i Prozent In der Landwirtschaft saßen, der Rest waren Rentner und Akademiker. Vom nichtjüdischen Bevölkerung«:-!! 'aßen in der Industrie 60 Prozent, i» der Landwirtschaft 20 Prozent. Diese Wirtschaftssituation erfährt ihre Erschwerung dadurch, daß der Prozentsatz der Handeltreibenden durch die große Zahl der Rentner, die ihr Vermögen verloren haben, gestiegen ist Des weiteren durch allgemeine deutsche Wirlschaftserchciniingen: 6 Millionen weniger Bevölkerung und 6 Millionen mehr Arbeiter als vor dem Kriege, Eindringen der Frauenarbeit, Verminderung der Zahl der Bank- und Handelsangestellten durch Einführung von Büromaschinen. Aus diesen Tatsachen wird ersichtlich, daß die jüdische Wirtschaftssituation weder durch einen Wirtschastsnoch durch einen Rechtskampf zu bessern ist. Es ist vielmehr notwendig ein Umbau der Berufsgliederung der Juden. Auf keinem Gebiete aber muH dringender vor dilettantischen Unternehmungen gewarnt werden als auf diesem. Man kann sehr oft in der jüdischen Presse billige Parolen entdecken, die aber der bevölkerungspolitischen Situation in keine« Weise gerecht werden können. So müßte einmal die Parole der landwirtschaftlichen Umschichtung der Juden eine genaue Untersuchung ersahren, und 6

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