Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 347 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8898167--372-4794794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
genommene psychologische Filme ergänzten in gelungener Weise seine Vorlesungen. Im Rahmen dieser Abhandlung kann nicht an eine Kritik der psychologischen Theorien gedacht werden, noch kann der Ort für ihre Bedeutung in der Pädagogik bestimmt werden. Wichtig erscheint es jedoch, zu erwähnen, daß Beispiele aus der Schulpraxis der Schweiz und aus Wien zeigten, welch große Möglichkeiten der psychoanalytisch geschulte Lehrer für die wertvolle Gestaltung des Unterrichts hat. Die systematische Einordnung jedes Geschehnisses beim Schüler ist ihm geläufiger, die „Lehranalyse" befähigt ihn, sich von den Schülern nicht „kränken" oder „verehren" zulassen. Die Lehrplanfrage wurde von bedeutenden Vertretern verschiedener modernen Richtungen vorgetragen (Decroly, Belgien; Ferriere, Schweiz; Helen Parkhurst, USA.). Der Dalton- Plan, Winnetka-Technik, die Decroly-Methode bildeten die Hauptthemen der didaktischen Kurse. Die fachliche Kritik der Lehrplantruge entzieht sich mir mangels einer Schulpraxis. Doch war die Losgelöstheit der Besprechung dieser Pläne von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Kinder einer Schule leben, erstaunlich. Die russische Komplextheorie, die auch in modernen deutschen Schulen Anwendung findet, wurde nicht behandelt. Nur im Vortrag von Dr. Karsen, Berlin-Neukölln, kam sie zur Geltung. Im Gegensatz zu den anderen in Helsingörs behandelten Lehrplanmethoden wird hier nicht davon ausgegangen, daß das Kind ein losgelöster Organismus sei, dem man zu seiner möglichst reichen Entwicklung verhelfen müßte, sondern das Kind wird hier als Glied einer gesellschaftlichen Gruppe gewertet und nach deren klaren Anforderungen erzogen. Gemäß dem Dalton- Plan wird z. B. jedem Schüler ein bestimmtes Aufgabengebiet erteilt, das er in einer bestimmten Frist selbständig zu erarbeiten hat. Es fehlt der Zwang des gemeinschaftlichen Klassenunterrichts, in dem alle Schüler mit ihren ungleichen Kräften dasselbe Ziel erreichen müssen. In der Neuköllner Aufbauschule wird in Anlehnung an die Komplextheorie ein gemeinschaftliches Thema für alle Schüler verwendet, z. B. „Das Dorf". Jeder Schüler erhält dann als Arbeitsgebiet eine Aufgabe, die zur Erarbeitung des allgemeinen Themas nötig ist, z. B. „Der Bauer", der „Bauernhof" usw. Alle müssen zur selben Zeit fertig sein, denn nur wenn jeder seine Aufgabe gut gelöst vortragen kann, erreicht die ganze Klasse das Ziel der allseitigen Durcharbeitung des gemeinsamen Themas. — Verbunden mit dem Kongreß des Weltbundes war eine internationale Montessoritagung. Montessori selber hatte die Leitung und hielt auch Vorträge im Weltkongreß. Gleich den Mitgliedern für die Erneuerung der Erziehung versucht sie, den schöpferischen Kräften im Kinde gerecht zu werden. Doch besteht die entscheidende Wirkung in ihrem genialen System darin, daß das Kind nicht mehr nur empfangender Teil ist. Durch eine seinen verschiedenen Entwicklungsstufen entsprechende Beschäftigung soll die Einordnung des Kindes in das gesamtgesellschaftliche Leben gefunden werden, an dem es vollwertigen Anteil nehmen muß. Viele deutsche Teilnehmer verloren hier zum ersten Mal ihre Abneigung gegen das Montessorisystem, das nichts Formales, Starres aufweist, wie es einige unfähige Vertreter dieses Systemes in Deutschland vermuten ließen. Infolge der großen Anzahl von Vorträgen und Kursen, von denen oft wichtige gleichzeitig stattfanden, konnte hier nur ein kleiner Ausschnitt zur Darstellung kommen, der nicht Anspruch darauf erhebt, den 347