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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 341

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 341 (sequence 59)
Language
German
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kleinen Kind eine Atmosphäre der Liebe und Geborgenheit gibt und den Jugendlichen frei läßt zum Wachsen und Selbständigwerden. In der Schule liegen besondere Gefahren, wie besondere erzieherische Möglichkeiten. Zum Konflikt kann das Verhalten des Kindes, das es sich im Elternhause angewöhnt hat, wie das Verhalten der Lehrer, führen. Miriam van Waters sagt: „Der Erfolg der Schule hängt ab von dem Maß der Geschicklichkeit der Lehrer, das Gemütsleben der Kinder zu entwickeln". Die Schule ist keine Fabrik für intellektuelles Wissen, sondern sollte eine wahre soziale Gemeinschaft sein, die dem einzelnen Möglichkeiten zur Entfaltung der Persönlichkeit gibt, „Lebenskraft und Lebensmut im Kinde schalft und entwickelt". Gezeigt wird der Jugendliche im Wirtschaftsleben, wie er ausgebeutet wird von Erwachsenen, die nur Geld und mehr Geld wollen. In Amerika gibt es noch viele Kinder, besonders Knaben, die abends und nachts Zeitungen verkaufen. Das Hauptübel liegt in der Rücksichtslosigkeit der Erwachsenen, der Arbeitgeber. Der Jugendliche ist abhängig von der Kritik der Gesellschaft. Die Gesellschaft jeder Zeit hat ihr eigenes Gepräge. Wenn man die Ehe oder die Familie herausgreift, sieht man am krassesten den Wechsel der Anschauungen. An der Verbindung zweier Jugendlicher zur Ehe, die keinerlei Willen oder Fähigkeit besitzen, eine Dauergemeinschaft zu gründen, wird der Kompromiß der Jugend an die soziale Norm gezeigt. „Trauschein ist den Jugendlichen heute wie ein Jagdschein, man mag nicht gerne ohne ihn erwischt werden." Ohne ein Werturteil über die Höhe der Moral verschiedener Generationen zu fällen, sieht die Verfasseriii in der Familienbildung ein Ideal. Für die Jugend und besonders für die rechtsbrecherische Jugend hebt die Verfasserin hervor, daß sie tatsächliche, echte Kulturwerte, wie sie sich in Religion, Kunst und Wissenschaft offenbaren, gar nicht kennt. Kein Wunder ist es darum, wenn sie den „Moralkodex der Tagespresse" annimmt. In der rechtsbrecherischen Einstellung, in seiner tiefsten Ursache, sieht die Veriasserin eine Reaktion der Verteidigung, die sich auf Selbst-r Schutz aufbaut. Wenn die Erwachsenenwelt nicht versteht, die Energien der Jugend in konstruktive Bahnen zu leiten, entsteht das Rechtsbrecher!. „Kinder lügen oft, um mit Erwachsenen auszukommen." Die Hauptverantwortung liegt bei der Erwachsencnwelt, die die Oppositionshaltung der Kinder verhüten müßte. Das amerikanische Jugendgericht kämpft mit besonderen Schwierigkeiten, weil es eben „Gericht" ist, obgleich es die fürsorgerischen Aufgaben, wie unsere Jugendämter, ausführt. Interessant ist, daß die Verfasserin angibt, daß 1923 75o/o der Jugendgerichtsfälle in den Vereinigten Staaten in eigene oder fremde Familien gegeben und unter Schulzaufsicht gestellt wurden. Von ihnen haben sich 80°/o bewährt. Über die Heilung des jugendlichen Rechtsbrechers wissen wir noch sehr wenig. Miriam van Waters glaubt, der Prozeß des „Sichbesserns" sei vielleicht einem Naturgesetz unterworfen, wie das „Gesundwerden". Trotzdem schildert sie das Schicksal von Jugendlichen, an deren Erfolg die Fürsorge mitgewirkt hat. Die wesentliche Voraussetzung ist die Einsicht des Zöglings, ehe er der, Mitarbeit am eigenen psychischen Wiederaufbau fähig wird. Aber ehe der Zögling einsehen kann, muß der Fürsorger Verständnis für das Sein und Verhalten des Zöglings haben. Die Erziehungsanstalt hat die Aufgabe, die Persönlichkeit des Zöglings zu entfalten, ihm Lebensmut und Freude zu geben, die ihn befähigen, ein wertvolles Glied der sozialen Gemeinschaft zu werden. Bei der Schilderung einer kleinen Anstalt in 341

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