Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 318 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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Diskussion seit Geigers Zeiten nicht fortgeführt worden ist. Es mag vielleicht noch tiefer liegen. Vielleicht spricht sich hier— gesehen an einem winzigen Ausschnitt jüdischer Arbeit — die Krisis der Theologie überhaupt aus und vielleicht ist es deshalb nicht das äußere Fehlen einer Zeitschrift, sondern ein innerlicher Mangel an neuer religiöser Gestaltungskraft, der eine eingehende Theorie der jüdischen Religion dauernd verhindert. Es ist in der Tat notwendig, diese Zusammenhänge zu sehen, um zu verstehen, daß um diese Wurzel alles jüdischen Denkens herum auch unsere Frage nach einer Theorie der jüdischen Seelsorge liegt. Noch immer ist das Verhältnis von Theorie und Praxis ein solches, daß eine schlechte Praxis eine Praxis ohne gute Theorie ist. Noch immer ist es so, daß wir in der Praxis irren und keine Sicherheit haben, wenn keine Theorie die Normen für die Praxis gewiesen hat. So sei denn hier ein ganz bescheidener, kleiner Anfang gemacht. Ein Anfang, der vielleicht wegen seiner Einseitigkeit geeignet ist, die Diskussion über diesen Gegenstand einzuleiten. Ein Anfang freilich auch, der nur die dünnsten Umrißstriche des Problemkreises zu zeichnen in der Lage ist und von der Hoffnung lebt, es würden bald die echten Meister kommen und die starken Grundlagen legen, deren unsere Frage so sehr bedarf. Zunächst ein paar Worte zur Nomenklatur. Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, Seelsorge in Anführungsstriche zu setzen, wenn es sich um jüdische Seelsorge handelt. Man wollte damit anzeigen, daß jüdische Seelsorge etwas anderes sei als christliche. Leider hat man nie oder nur andeutungsweise diese Anführungsstriche aufgelöst und gezeigt, was es denn nun besonders um die jüdische Seelsorge sei und wo die Grenzen liegen. Man hat — da die Gedanken nur leicht mitklangen und nicht deutlich ausgesprochen wurden — dabei vergessen, daß es überhaupt noch Unterschiede zwischen Seelsorge und anderen Gebieten jüdischer Sorge gibt. Um es deutlicher zu sagen: der Begriff der jüdischen Seelsorge schwamm zusammen mit dem Begriff der allgemeinen jüdischen Tätigkeit. Wie jener unkritische Begriff des „jüdischen Optimismus" eine leichte Brücke zum unreligiösen, „lebensbejahenden" Gemüt des heutigen Durchschnittsjuden schlug, so haben die Anführungsstriche der jüdischen Seelsorge gleichsam zur Heiligsprechung des jüdischen Säkularisationsprozesses beigetragen und haben zugegeben, daß nirgendwo der Versuch gemacht wird, die Seelsorge auch der jüdischen Religion als eigentümliches, und zwar religiös eigentümliches Gebilde aufzuweisen. Dieser Prozeß der Heiligsprechung des säkularisierten Judentums läßt sich an sehr vielen Punkten heutiger Judentumsbetrachtung aufweisen. Wir wollen hier den Versuch machen, diese Betrachtungsweise zu durchbrechen. Und wir unterscheiden deshalb zwischen Seelsorge und Wohlfahrtspflege. Unterscheiden — nicht also um die (vorhandenen) Beziehungen beider Gebiete geht es, sondern um ihre Grenzen, um ihre Besonderheiten. Innerhalb der sogenannten freien Wohlfahrtspflege steht die jüdische Wohlfahrtspflege unter der Rubrik der „konfessionellen" Wohlfahrtspflege. Es wird dadurch der Anschein erweckt, als gäbe es — wie eine christliche, so auch eine jüdische Wohlfahrtspflege. Eine jüdische — das heißt 318