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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 316

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 316 (sequence 34)
Language
German
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täten auch heute noch vielfach ausschließlich gelehrt wird, nicht immer geeignet, für die Aufgaben des Menschenverstehens und der Menschenbehandlung Wesentliches zu leisten. Das näher zu erörtern, ist hier nicht der Platz. Aber gerade in dieser Stellung der Universitätspsychologie liegt ein weiterer Faktor, der die Berufsausbildung in dieser Richtung ungenügend sein läßt. Unter dem Fehlen oder der schwachen Ausprägung des seelsorgerischen Motivs leidet nicht nur das, was Siddy Wronsky treffend die sozialen Aufgaben des Rabbiners bezeichnet — im wesentlichen also seine aktive Teilnahme an allen fürsorgerischen Bestrebungen —, sondern auch seine seelsorgerische Funktion im engeren Sinne, wie ja auch Siddy Wronsky hervorhebt, daß eine Fremdheit zwischen dem Rabbiner und den Gemeindemitgliedern in der Regel besteht — und das oft auch in kleineren Gemeinden, in denen es dem Rabbiner sehr wohl möglich wäre, in engeren Konnex mit ihnen zu kommen. Auch darüber ist mir gegenüber nicht selten geklagt worden, daß der Rabbiner Kranke und Insassen von Anstalten wenig, bisweilen gar nicht aufsucht, oder erst dann kommt, wenn er ausdrücklich gerufen wird, im Gegensatz zu den Geistlichen anderer Bekenntnisse. Gerade darüber ließe sich manches sagen, aber es würde zu weit führen, hier einzelne Beispiele, die zum Teil recht bezeichnend sind, anzuführen. Sicher liegt ein Grund für diese Fremdheit auch in der Ausbildung. Ich kenne das Studium des Rabbiners und die Eigenart der Ausbildungsstätten nicht aus eigener Erfahrung, muß mich hier also auf das verlassen, was ich höre, und das geht doch übereinstimmend dahin, daß die psychologisch-soelsorgerische Ausbildung nicht dem entspricht, was heute notwendig ist und daß von den Problemen der Fürsorge kaum die Rede ist. In den theologischen Fakultäten unserer Universitäten hat sich gerade in dieser Beziehung in den letzten Jahren sehr viel geändert, und die Vertreter der praktischen Theologie lassen sich die Behandlung psychologischer, pädagogischer und seelsorgerischer Fragen vielfach recht angelegen sein, und auch in den theologischen Zeitschriften spielt die Erörterung dieser Fragen eine sehr wesentliche Rolle. Und auch in den Vereinigungen und bei Zusammenkünften der schon im Amt befindlichen Geistlichen stehen Fragen der Seelsorge und der Fürsorge im Vordergrunde; ich weise nur auf die Erörterungen hin, die gemeinsam mit Psychologen, Aerzten und Seelsorgern sowohl in evangelischen wie in katholischen Kreisen wiederholt stattgefunden und dort immer reges Interesse gefunden haben, auf die besonderen Tagungen (z. B. in Kevelaer) und auf die reiche Literatur, die sich sowohl im Protestantismus wie im Katholizismus über diese Fragen heute entwickelt hat; ich nenne nur die Sammlungen „Religion und Seelenleiden" oder „Arzt und Seelsorger". Und immer wieder wird betont, welchen großen Gewinn die Beteiligten aus einer Vertiefung in diese psychologischen und seelsorgerischen Fragen für die Erfüllung ihrer Berufsaufgaben hatten. Ich muß offen gestehen, daß ich nicht wüßte, daß die Rabbiner dem etwas Aehnliches entgegenzusetzen hätten. Und doch kann nicht eindringlich genug betont werden, daß von 316

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