Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 315 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8898167--340-4794762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
weil den Inhalt der Berufsausübung eine Form der persönlichen Dienstleistung für andere Menschen bildet. In diese Gruppe gehören ganz verschiedene Berufe, so der Beruf des Arztes, des Erziehers, des Jugendpflegers, und in diese Gruppe von Berufen sind auch die sogen, sozialen Berufe (Wohlfahrtsbeamte usw.) und der Beruf des Seelsorgers zu rechnen. Ich kann hier nicht darauf eingehen, wie sich diese Berufe im einzelnen voneinander abgrenzen, ich habe darüber an anderer Stelle ausführlicher) gesprochen. Jedenfalls ist die Grundvoraussetzung jeder seelsorgerischen Tätigkeit die „liebevolle Hinwendung zum anderen Menschen", die Grundvoraussetzung der sozialen Arbeit aber ist die gleiche. Alle wissenschaftliche Ausbildung ist für Seelsorge und soziale Arbeit, die sich in diesem Punkte berühren, wie für die ganze Gruppe der persönlichen Berufe, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, sie soll die richtige Einwirkung auf den anderen Menschen möglich machen oder erleichtern und die soziale Seite der Persönlichkeit bilden. Für diese Berufe wird daher die wissenschaftliche Ausbildung in der Psychologie, in den Grundfragen der Menschenkenntnis und der Menschenbehandlung von besonderer Bedeutung. Fragen wir nun, unter Zugrundelegung der eben angestellten Erwägungen, weshalb der Rabbiner „den sozialen Aufgaben unserer Zeit entfremdet" ist, so wird man meines Erachtens sagen müssen, daß das seelsorgerische Motiv bei der Wahl seines Berufes überhaupt von untergeordneter Bedeutung zu sein pflegt. Hinzu kommt, daß auch die Berufsausbildung im allgemeinen dieses Motiv nicht zu wecken und zu pflegen imstande ist. In dieser Beziehung steht der Rabbinerberuf keineswegs vereinzelt dar; das gleiche gilt etwa für den Beruf des Oberlehrers und in gewissem Sinne auch für den des Arztes — wenn auch in den letzten Jahren hier ein entschiedener Wandel eingetreten ist. Für den Oberlehrer galt als grundlegend das Fachstudium, und der Beruf wurde im allgemeinen gewählt, weil Interesse und Begabung für bestimmte Fächer vorhanden war, nicht aber weil das Verlangen bestand, auf Kinder zu wirken und sie zu erziehen; der Arzt fühlt sich lange Zeit hindurch als reiner Naturwissenschaftler, und wie einer der besten Kliniker des vorigen Jahrhunderts bemerkte, trat hinter dem forschenden Interesse an den Krankheiten das Interesse am kranken Menschen Jahrzehnte lang zurück. Und während das akademische Studium dem künftigen Oberlehrer eingehende Kenntnisse und die wissenschaftlichen Methoden seines Faches, dem Arzt Wissen in den verschiedenen medizinischen Disziplinen und zahlreiche Techniken übermittelt, erfolgt doch keine Ausbildung in der für die Berufsausbildung zweifellos wichtigsten Technik, der Technik des Menschenverstehens und der Menschenbehandlung. In dieser Beziehung bleibt der einzelne sich selbst überlassen, das bedeutet aber in sehr vielen Fällen, daß er sich mit diesen Fragen nicht weiter beschäftigt. Für den ärztlichen und erzieherischen Beruf hat sich heute, in engstem Zusammenhang mit allgemeinen Zeitströmungen stehend, eine Wandlung angebahnt, und das Psychologische spielt eine weitaus größere Rolle als dies noch vor kurzem der Fall war; die soziale, persönliche Seite des Berufes wird weit mehr betont. Freilich ist die Psychologie, die auf den Universi- 815