Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 314 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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einen jungen Menschen zur Wahl des Rabbinerberufes bestimmen? Zweifellos sind sie verschiedener Natur. Für viele ist der Wunsch der Eltern, die Tradition des Hauses bestimmend; damit verbindet sich meist das Motiv der Religiosität. Ganz in der jüdischen Überlieferung lebende Familien, besonders solche, die in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen leben und sich langsam emporgearbeitet haben, die dem Sohn eine bessere Zukunft sichern, ihn dabei aber bei der religiösen Uberlieferung halten wollen, sehen einen ihrer höchsten Wünsche darin, ihn dem Rabbinerberuf zuzuführen, wobei auf die Frage der „Eignung" wenig Gewicht gelegt wird; nur für dieses Studium werden die erforderlichen Mittel, die oft nur unter den größten Schwierigkeiten aufgebracht werden können, bereit gestellt. Auch bei dem jungen Menschen selbst ist es in erster Linie das Moment der Frömmigkeit, oder sagen wir besser, des Festhaltens an der religiösen Überlieferung (was mit echter, innerer Frömmigkeit durchaus nicht zusammenfallen muß), das ihn zur Wahl des Rabbinerberufes bestimmt. Der Beruf soll die Möglichkeit schaffen, ganz in der Überlieferung zu leben, sich ganz der Erfüllung der religiösen Pflichten zu widmen. An zweiter Stelle steht ein Motiv, das ich als wissenschaftliches bezeichnen möchte; das Hauptinteresse liegt hier in dem Lernen und Forschen, in der Beschäftigung mit der Wissenschaft des Judentums, in dein wissenschaftlichen Studium der Bibel, des Talmud, der Geschichte. Gerade bei dem Juden verbinden sich religiöses und wissenschaftlichtheoretisches Interesse vielfach miteinander; bezeichnet man doch in durchaus charakteristischer Weise auch die religiöse Beschäftigung mit Bibel und nachbiblischem Schrifttum geradezu als „lernen"; aber es ist doch etwas anderes, ob dieses „lernen" religiösen oder wissenschaftlichen Interessen entspringt. Neben diesen beiden, wie mir scheint, Grundmotiven der Berufswahl stehen zwei andere, die keineswegs übersehen werden dürfen: die Berufsaussichten und das meist unbewußte Geltungsbedürfnis. Daß an Rabbinern kein Ueberfluß ist und daß der junge Rabbiner im' allgemeinen eine gute Stellung findet, muß als ein Faktor angesehen werden, der miteintscheidend bei der Berufswahl ist — hier wie in jedem anderen Fall. Die Möglichkeit, aus dem Kreise der anderen herauszuragen, „vor" der Gemeinde als Redner zu stehen, sie mitbestimmen zu können, etwas zu gelten, spielt wie bei jeder Berufswahl so sicher auch hier eine Rolle. Wo dieses letztere Motiv stark ausgeprägt ist, da verrät es sich auch später, bei der Berufsausübung im allgemeinen noch recht deutlich. Es gibt nun aber noch ein weiteres Motiv, das zu dem Rabbinerberuf hinführen kann, und das ich als das seelsorgerische bezeichnen möchte. Es gibt eine besondere seelische Grundhaltung, die man als die Hinwendung zum anderen Menschen bezeichnen kann, die Freude am Wirken auf andere; Menschen dieser Art und Veranlagung fühlen sich nur dann zufrieden, wenn sie irgendwie für andere Menschen sorgen und arbeiten können. Diese Haltung hat zur Ausbildung einer Gruppe von Berufen geführt, die wir als die „persönlichen" Berufe bezeichnen können, 314