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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 313

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 313 (sequence 31)
Language
German
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anderen lebt, die über eine ganze Stadt sich verteilt? Soll er leben mit denen im Norden oder denen im Süden, oder heute da und morgen dort? Wie kann er innerlich sich verwurzeln mit einer Vielheit, deren Glieder nicht selber wiederum einander kennen und durch die Idee gemeinsamer Wirksamkeit sich verbunden fühlen, sondern in ihrer Arbeit auf ihren verschiedenen Arbeistsstellen sich zerstreuen? Auch hier tritt hemmend die tragisch zu nennende Erscheinung hervorj daß der Rabbiner als einzelner immer mit einzelnen zu tun hat. So muß seine Arbeit, wenn sie einer Menge sich zuwendet, zusammensinken und versickern. Ich will mich der Erkenntnis nicht verschließen, daß neben der versachlichten Wohlfahrt eine Art der Hilfe bestehen muß, die im Namen der Religion wirkt, im Namen der Religion ihre Gaben austeilt und im Namen der Religion alle Unzulänglichkeiten zu beseitigen trachtet, die nun einmal auch der vollkommenste Apparat der materiellen Sozialhilfe nicht vermeiden kann. Es ist mir gleichfalls klar, daß der Rabbiner allein dieses Wünschenswerte nicht wird ausrichten können. Er bedarf dazu eines Stabes von Helfern und Mitarbeitern. Dienliche Kräfte können vielleicht aus den örtlichen Chewras gewonnen werden, deren auf die Bedürfnisse der alten Kehilla zugeschnittene, auf dem Gegenseitigkeitsprinzip ruhende Liebestätigkeit damit zu den modernen Erfordernissen hingelenkt würde. Auch an die Jugend, die heute stark sozial lebendig ist, wäre zu denken. Als Berater und Wegweiser müßte dieser Hilfstruppe ein erfahrener Wohlfahrtsbeamter zur Seite treten. Die so zusammengesetzte Schar kann mit besseren Erfolgsaussichten im Namen des Glaubens sich ihrer verelendeten Brüder annehmen und die Arbeit der Wohlfahrtsorganisationen tatkräftiger unterstützen als der einzelne es vermag. Sie müßte der inneren, gefühlsmäßigen Elemente sich bedienen, auf die das Wirken der allen Chewras sich stützte, dabei aber — das wäre das Neue — aus eigener Initiative gegen das Elend erkundend anrücken und Streifen in die Stadtgegenden vorschicken, in denen am meisten zu helfen ist. Ihre schönste Gabe müßte die innere Wärme und Beglückung bilden, die alle ungeheuchelte, aus der Aufrichtigkeit des Gefühls stammende Teilnahme verbreitet. Die Verlassenen und Zagenden sollen fühlen: ein Freund steht vor dir. Nicht Gönneortum, nicht vermittelnde Sachlichkeit, sondern Freundesmitgofühl soll bemerkbar werden. Ich wüßte keinen besseren Platz, an dem der soziale Rabbiner stehen könnte. II Prof. Dr. Erich Stern In ihrem Aufsatz „Die sozialen Aufgaben des Rabbiners" klagt Siddy Wronsky mit Recht darüber, daß „die Rabbiner, die heute die Stelle der Führer in den jüdischen Gemeinschaften einnehmen, den sozialen Aufgaben unserer Zeit entfremdet sind," eine Tatsache, die sehr wohl näherer Untersuchung bedarf. Zur Klärung dieser Frage möchten die folgenden Zeilen beitragen. Will man dem Problem näher kommen, so muß man meines Erachtens von der Frage ausgehen: Welches sind die Motive, die heute 313

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