Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 312 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Verhältnisse und der sozialgcsetzlichen Bestimmungen nocli nicht den sozialen Rabbiner schaffen, dessen Wirksamkeit, erhoben über das Handwerkliche des sozialen Mechanismus, auf d,cm eigenartigen Grunde der Erhebung durch das Wort und den Gedanken ruht. Ich weiß nicht, ob dies seine eigentliche Aufgabe ist, ob er überhaupt eine solche Aufgabe erfüllen kann, die Lebensverhältnisse, unter denen die jüdische Bevölkerung in den Großstädten leidet, zu erleichtern und zu verbessern. Ich denke mir vielmehr dies als seine Aufgabe, den Notleidenden und Gedrückten zu sagen, daß die Unzulänglichkeit, die im Bereich des Materiellen immer hervortritt, durch die Kräfte des Glaubens und dpr sozialen Sittlichkeit ihren Ausgleich findet. Diese Richtung ins Allgemeine soll durch das Wort und den Gedanken gewahrt werden, ob der Rabbiner vor dem Fabrikshorrn oder dem Sträfling steht. Es kann nicht seine vornehmliche Aufgabe sein, bei der praktischen Ausführung, die in beiden Fällen auf dem Wege des sozialen Interesses liegt, behilflich zu sein, sondern dies ist die Belehrung und Schärfung des sozialen Gewissens im allgemeinen, die Einwirkung mit den Mitteln des Glaubens und der Religion. Alles andere kommt erst in zweiter Reihe. Will man es anders haben und den Theologen zum Manne der sozialen Praxis umkrempeln, so wäre es vielleicht empfehlenswerter, einen Sozialbeamlen mit dem rabbinischen Rüstzeug auszustatten. Würde die Arbeit der Rabbiner sich heute auflösen in sozial-praktischem Kleinkram, so müßte ihre Anzahl mindestens auf das Doppelte gebracht werden. Die christlich-sozialen Verbände, deren Tätigkeit zugleich mit einer Glaubenswerbung verbunden ist, haben ihre Armeen von Helfern, welche die der Stärkung bedürftigen Massen netzartig durchdringen. Was kann das aufopferndste Sozialschaffen eines einzelnen bedeuten, wenn man sich dagegen etwa die verzweigte und eindringende Tätigkeit der Heilsarmee vor Augen hält? Der Rabbiner, heißt es, soll in die verelendeten und darbenden Schichten der Bevölkerung hinabsteigen, soll in ihren Sorgen und Leiden aufgehen und in ihrem Kreise vollkommen Wurzel schlagen. Schön gesagt! Aber abgesehen davon, daß der Rabbiner auch Prediger, Lehrer, vielerorts Jugendführer, Mitglied städtischer Wohlfahrtsausschüsse und Jugendämter, Mitglied gemeinnütziger Vereine, praktischer Apologet usw. ist, also alle diejenigen Tätigkeiten in einer Person vereinigt, die die Pastorenschaft einer mittelgroßen Stadtgemeinde geteilt ausübt, kann ich mir nicht recht vorstellen, wie eine solche intensive soziale Einlebung vor sich gehen soll. Ich kann mir vorstellen, daß ein hauptamtlicher Seelsorger in einer Strafanstalt sich vollkommen hingibt an die Sorgen und Gedanken der Häftlinge und dergestalt geistig mit ihnen verschmilzt, oder ein talentierter Erzieher sich seelisch in einer Jugendgemeinschaft auflöst, oder ein Pfarrer in einer Heide- oder Gebirgsgegend mit seinen Pfarrkindern seelisch eins wird. Hier steht der einzelne einer in sich gleichartigen Vielheit von Menschen gegenüber, die die unmittelbare Idee der Gemeinsamkeit ihres Lebensraumes, der Gemeinsamkeit ihres Schaffens, Strebens, Sorgens verbunden hat. Wie aber soll der Rabbiner sich seelisch verschmelzen mit einer Masse, die zerstreut unter 312