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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 311

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 311 (sequence 29)
Language
German
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das Herz der Menschen zu erobern und warm zu halten, er sucht die materielle Hilfe hineinzulegen in die lautere Schale der Gesinnung. Und dies, dem materiellen System der Hilfe das Herz und die Gesinnung wach zu halten, ist wohl nicht geringer an Wert und Nutzen als die materielle Leistung selber. Ohne das Herz und das Wohlwollen muß der bestgeleitete Apparat sachlicher Sozialleistung vertrocknen und zugrunde gehen. Die Wohlfahrtspflege wird auch darüber im Klaren sein, daß sie nicht alle Not beheben kann und neben manchem zufriedenen Gemüt viel Enttäuschte zurücklassen wird. Hier mag der Rabbiner zu Hilfe kommen, indem er die enttäuschten Seelen durch Gedanken der Religion und durch Eröffnung innerer Glücksquellen zu versöhnen trachtet. Die aktive soziale Leistung des Rabbiners, die darin bestellt, daß er der technisierten sozialen Praxis das Oben und das Unten zuführt, daß er ihr das Herz derer zuführt, die ihr dienen und denen sie dient, darf nicht gering angeschlagen werden. Auch heute noch ist der Rabbiner, wenn nicht eine jüdische Wohlfahrtsslelle am Platze ist, diejenige Person in der Gemeinde, von der am intensivsten1 soziale Hilfe gefordert und gewährt wird. Alle beschäftigungslosen, alle mittellosen Menschen am Platze und auswärts finden zu ihm den Weg. Er ist Mitglied fast aller charitativen Verbände der Stadt, wird zu den, städtischen Fürsorgearbeiten herangezogen, ist nicht selten praktischer Armenpfleger, oft Seelsorger an Strafanstalten in nebenamtlicher Tätigkeit usw. Es kann also wohl nicht gut die Rede davon sein, daß der Rabbiner im allgemeinen nicht in der Lage sei, die Methoden und Arbeitsweisen der Wohlfahrtsorganisationen zu überschauen. Der Rabbiner soll sich das erforderliche Wissen aneignen. Was heißt das erforderliche Wissen? Ist es überhaupt wünschenswert, daß die Arbeit des Rabbiners in irgend einer fachlichen und speziellen Tätigkeit sich zusammendrängt, daß er nach irgend einer Seite hin sich technisiert? Soll man ihn etwa dazu bringen, daß er, um eine Predigt zu halten, sich eine eingehende Kenntnis der philosophischen Systeme erwirbt, daß er, um zu unterrichten, Examina in Psychologie und Pädagogik ablegen muß? Oder soll der Rabbiner nicht vielmehr darin seine vornehmliche Aufgabe erblicken, durch das Wort und den Gedanken auf das Gemüt und die Gesinnung zu wirken und wie im ganzen seiner Tätigkeit, so auch beim sozialen Menschendienst sein Augenmerk darauf richten, die Kräfte des Vertrauens und der religösen Zuversicht zu wecken und den Notleidenden das verschmerzen zu helfen, was die Instanzen der praktischen Hilfe eben nicht zu leisten imstande waren? Wozu soll es aber dann dienen, wenn man die Ausbildungsgegenstände des Rabbiners, die wahrscheinlich nicht gering sind, dahin erweitert, daß man ihn verpflichtet, sich eine umfassende Kenntnis der Lebensbedingungen, der Wirtschaftsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung, der psychologischen und physiologischen Arbeitsmethoden, der sozialen Gesetzgebung usw. anzueignen? Ein Einblick in diese Zusammenhänge schadet gewiß nicht, und diese Dinge werden ja zum Teil bereits an den rabbinischen. Lehranstalten als Lehrfach behandelt. Aber wie Nationalökonomie noch nicht den Geschäftsleiter, wie Philosophie nicht den Prediger und Pädagogik nicht den Religionslehrer macht, so wird das Wissen der ökonomischen 311

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