Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 310 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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gesehen werden. Selbst in den lokalen Organisationen der alten religiöscharitativen Bruderschaften, den Chewras, sah man ungern den Rabbiner an der Spitze, und ich weiß, daß mancher von ihnen gedacht hat: besser so. Der Rabbiner steht meist, ohne daß seine Tätigkeit mit dem System einer Hilfe oder Verwaltung prinzipiell verbunden ist, als ein einzelner da. Als ein einzelner hat er stets mit einzelnen zu tun,. Die, Geistlichen der christlichen Konfessionen sind in einer weit besseren Lage. Keine Emanzipation hat die gerade Linie der Entwicklung entzweigerissen. Die Führerstellungen, die sie von der Zeit der kirchlichen Vorherrschaft innehatten und die sie zu Chefs über gegliederte Formationen menschlicher Gemeinschaft machten, wurden ihnen in Anerkennung traditioneller Berechtigung belassen. Der Kaplan als Präses eines katholischen Gesellenvereins wird stärker zu den Menschen hingeführt, der Pastor als geschäftsführender Geistlicher des evangelischen Kirchenamtes steht dem praktischen Leben näher als der Rabbiner, der bei den entsprechenden jüdischen Systemen gelegentlich mittun darf, dessen Arbeit jedoch nicht aus dem Schaupunkt, prinzipieller Rechtmäßigkeit mit jenen verknüpft ist. Die akademische Ausbildung des Rabbiners wird als ein Moment empfunden, das ihn von seinen Gemeindemitgliedern trennt. Aber auch hier bleibt ein Großteil der Schuld an den Gemeinden selber hängen. Diese verlangten in neuerer Zeit von ihren Führern den Doktortitel, der ihnen bisweilen wichtiger erschien als das Rabbinatsdiplom. Mochte der titulare Ausweis eines Universitätsstudiums zu gewissen Zeiten seine Berechtigung gehabt haben, so schuf doch dieser Gebrauch, der übrigens mit der wissenschaftlichen Basierung der Rabbinerbildungsanstalten jeden Sinn verloren hat, den jungen Theologen eine drückende Mehrbelastung. Daß die werdenden Rabbiner, um in den Besitz des Doktorgrades zu kommen, neben ihren fachlichen Studien sich nicht auf die Rechtswissenschaft oder die Heilkunde warfen, auf Fächer, die eine lange und hingebende Arbeit verlangen, wird man ihnen verzeihen. Es wurde bei der jüngeren Rabbinergeneration Gebrauch, für die Universitätsausbildung sich ein Studium auszusuchen, das sie nicht in neue und schwer zu erarbeitende Wissensgebiete hineinführte, sondern in solchen Gebieten weiterbrachte, bei denen schon durch die Schulkenntnisse eine Grundlage und Anknüpfung vorhanden war. Man wählte mit Vorliebe Sprachen, Philosophie und Geschichte. Beruflich waren diese Kenntnisse kaum zu verwerten. Ihre Aneignung war notwendig geworden durch die Einstellung der Gemeinden, die sich weniger einen tätigen als einen „gebildeten" Rabbiner wünschten, wozu allerdings in einer gewissen Zeit ein ausreichender Grund vorhanden sein mochte. Wie vielseitig und wandelbar im Laufe der Zeiten auch die Wirksamkeit des geistigen Führers in Israel gewesen ist, in einem Punkt ist er der gleiche geblieben. Er ist in der Hauptsache der Lehrer. Das gilt von Moses, dem Lehrer, bis zum extremsten Reformrabbiner in den Vereinigten Staaten. Und da die jüdische Lehre im Sozialen gipfelt, geht auch diel Richtung der rabbinischen Wirksamkeit nach der sozialen Seite. Er wirkt sozial, wenn auch in anderer Weise als der technisierte Apparat der sozialen Hilfe. Er sucht dem technischen Triebwerk der Wohlfahrtspflege 310