Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 306 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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fern der „Mädchenhandel" und die Prostitution als wirtschaftlich-soziale Notwendigkeiten mit den gegenwärtigen wirtschaftlichen und sozialen Notwendigkeiten aufs engste verknüpft sind, also im gegenwärtigen Wirtschaftssystem eine Funktion erfüllen, keineswegs aber ökonomische und soziale Funktionen schlechthin sind. Hier liegt die entscheidende Formulierung alles dessen, was ich sagen wollte, aus ihr folgen aber auch alle Konsequenzen, die ich ziehen mußte. Es würde eine sehr ausführliche, keineswegs hier notwendige, weil schon oft geführte Auseinandersetzung nötig sein, wollte ich im einzelnen diesen aus der Erkenntnis der gegenwärtigen ökonomischen und sozialen Notwendigkeiten gewonnenen Standpunkt eingehender begründen. Was ich hier konstatierte, ist nur der Teilaspekt eines Gesamtsystems. Und daraus ziehe ich die vorläufig logische Folgerung, daß sich eine sinnvolle und durchgreifende Therapie nicht finden läßt durch Behandlung einer äußerlichen und nicht einmal entscheidenden Manifestation, sondern durch Gestaltung des Ganzen. Es wäre etwa so, als wenn der Arzt bei einer Gesamterkrankung des Organismus, die sich in einem doch immerhin unwesentlichen Ausschlag äußert, seine Tätigkeit damit erschöpft sehen würde, diesen Ausschlag zu behandeln, ohne die Gesamtaufgabe, die ihm der erkrankte Organismus stellt, zu sehen. Damit will ich keineswegs gesagt haben, daß diese Teilbehandlung wertlos ist. Sie kann wertvoll sein, solange eine Behandlung des Ganzen nicht möglich ist, sie kann im Augenblick im Einzelfall wertvolle Milderung und Abhilfe bringen. Sie ist aber wertlos, wenn ich den Organismus als Gesamtheit und als Ganzes betrachte, da nur seine Heilung allein Neuerkrankung eines Teiles hindert, und weil mit ihr das Ende jeder Teilbehandlung, die letzten Endes nur kleine äußere Schäden heilen kann, gesetzt ist In der Mehrzahl der Fälle werden die Aerzte sich mit der Teilbehandlung begnügen, weil sie, subjektiv gesprochen, entweder Milderungen sehen wollen und mit Befriedigung „Erfolge" feststellen, oder aber die Gesamterkrankung ihnen gar nicht zum Bewußtsein kommt, auch gar nicht kommen kann, da sie sonst allzu bald an dem Wert und Sinn ihrer therapeutischen Möglichkeiten verzweifeln müßten. Auch ich bin mit Paida Ollendorff dafür, das ärztliche Gewissen so stark zu beunruhigen, wie es nur irgend geht. Und ich erlaube mir, der Ansicht Ausdruck zu geben, daß es keine Konstatierung gibt, die den Menschen stärker beunruhigen kann als die, die ich nunmehr hoffe, mit aller Deutlichkeit getroffen zu haben. Deshalb wehre ich mich auch dagegen, dem Arzt einreden zu wollen, daß er mit den vorgeschlagenen und in Uebung befindlichen Mitteln der Therapie etwas Entscheidendes zu leisten imstande ist. Ich glaube im Gegenteil, daß alles bisher Vorgeschlagene objektiv geeignet ist, von der wirklich im letzten Sinne erschütternden Erkenntnis der Gesamtsituation abzulenken und Möglichkeiten der Heilung und Abhilfe vorzutäuschen, die im wesentlichen doch nur darauf hinauslaufen können, den Helfer und nicht den zu Helfenden zu beruhigen und zu entlasten. Als Wesensmerkmal des Mädchenhandels sieht Paula Ollendorff mit Anna Pappritz „jede gewerbsmäßige Zuführung einer weiblichen Person 306