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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 305

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 305 (sequence 23)
Language
German
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fahren allerdings kann ich mich nicht einverstanden erklären: den „Fall" leugnen und das Problem in seiner ganzen Schwere als existent betrachten. Wenn mir schließlich Hannah Kanninski noch vorwurfsvoll anmerkt, daß ich eine „nüchterne" Betrachtung des Problems als dringend erwünscht und notwendig erachtete, so kann dieser Vorwurf nur kommen aus einer Verkennung der Voraussetzungen jeglicher Diskusionsbasis. Die Forderung, ein Problem „nüchtern" zu betrachten, ist keine Frage des Temperaments und des guten Geschmackes (obwohl die Wirksamkeit beider Komponenten nicht geleugnet werden soll), sondern die Forderung nach möglichster Zurückstellung jedes unkritischen Ressentiments, jeder lauten Uebcrtrcibung und all jener Wcrtungs- und Antriebsmomente, die nicht objektbezogener Betrachtung selbst entstammen, sondern ihren Urgrund haben in der subjektiv psychologischen Artung des Betrachters selbst. Eine, wie ich zugebe, schwere, aber keineswegs unbillige Forderung. 2 Dem Protest von Hannah Karminski hat sich nun ein weiterer angeschlossen. Auch die 2. Vorsitzende des Jüdischen Frauenbundes, Frau Paula Ollendorff, glaubt, gegen meine Auffassung „protestieren" zu müssen. Es gilt hier das gleiche, was ich bereits oben ausführte: gegen fundierte, undemagogische Darlegungen gibt es nur eine sachliche Widerlegung, keinen Protest. Wir Juden protestieren in jüdischen Dingen überhaupt viel zu leicht und zu oft und gedenken nicht des Schicksals früherer Proteste. Nicht an unseren Protesten soll man uns erkennen. Ueber den Protest hinaus versucht dann Paula Ollendorff, nicht meine Ausführungen zu widerlegen, sondern ihre den meinen widersprechenden Gedankengänge entgegenzustellen. Sie geht dabei von einer Bestimmung der Arbeitsbasis des Jüdischen Frauenbundes aus, die ihren Ausdruck findet in einem Reinheitsbegriff des jüdischen Lebens als göttliches Gebot, einer Definition, die entscheidend weiterwirkt bei der Beurteilung der Quellen des jüdischen „Mädchenhandels" im Osten. Damit ist allerdings die Diskussion auf eine Ebene verschoben, die sich logisch mit meiner Argumentation nicht mehr schneidet. Es sind Kategorien einer Begriffswelt und einer Zeit, von denen ich nicht zu sagen wage, daß sie heute keine Geltung mehr haben, von denen aber immerhin doch festgestellt werden muß, daß sie die Diskussion im juristischen, kriminalistischen, soziologischen und psychologischen Zusammenhang, wenn auch nicht ausschließen, so doch verwirren, zumindest aber erschweren. Selbst von maßgeblicher katholischer Seite wird das Problem des Mädchenhandels und der Prostitution im gegenwärtigen und praktischen Zusammenhange und nicht von religiösen Grundfragen aus behandelt (vgl. Alexander de Werth, a. a. 0.). Darüber hinaus hat mich Paula Ollendorff, aber vor allem S. Cohen- London, zu dessen Ausführungen ich weiter unten Stellung nehme, in einem ganz entscheidenden Punkte völlig mißverstanden. Ich habe an keiner Stelle meines Aufsatzes behauptet, daß „solche Zustände eine ökonomische und soziale Notwendigkeit sind". Ich habe nur herauszuarbeiten versucht, inwie- 305

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