Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 304 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794429-4929550-8898167--329-4794751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„kurz vor Redaktionschluß", völlig überrascht, zum ersten Male etwas von einer grundsätzlichen Stellungnahme zu dem in Frage stehenden Problem erfahren, die der ihrigen völlig entgegengesetzt ist. Tatsächlich ist mein Aufsatz aber nichts anderes als die beinahe wörtliche Niederschrift eines Referates, das ich auf Wunsch der „Arbeitsgemeinschaft für jüdische Gefährdetenfürsorge" in ihrem erweiterten Arbeitskreis gehalten habe. Als Korroferentin aber war Hannall Karminski bestellt. Es wäre nun zu erwarten gewesen, daß sie meinen Ausführungen die ihrigen entgegengestellt hätte. Statt dessen hat sie es in der Oeffentlichkeit vorgezogen, eine protestierende Erklärung abzugeben, was ich um ihretwillen bedauere. Wer einer sachlich begründeten Anschauung — es bleibe vorläufig dahingestellt, ob sie richtig oder unrichtig ist — nur den Protest leerer Worte gegenüberzustellen weiß, der wird den um die Materie Wissenden schwer enttäuschen, den mit der Materie wahrhaft und offen Ringenden leer und unbefriedigt entlassen.1) Es ist deshalb auch kaum verlohnend, sich mit dem Inhalt der Erklärung auseinanderzusetzen. An keiner Stelle ist in meinem Aufsatz davon die Rede, daß meine Ausführungen „den Standpunkt weiter jüdischer Kreise" wiedergeben, also kann auch die Feststellung, daß sie es angeblich nicht tun, mich nicht berühren. Aber was würde es schon für die Wahrheit oder Falschheit meiner Ausführungen besagen, daß eine Mehrheit sie verwirft und eine Minderheit sie teilt? Noch nie waren in der Sphäre der Erkenntnis das Gesetz der großen Zahl, die Masse, die Mehrheit ein Bestandteil der Argumentation, noch nie hat eine Idee an innerer Wahrheit und objektiver Geltung deshalb gewonnen, weil „weite Kreise" sie teilten. Man könnte, sogar selbst mit geringem historischen Blick für Ideenkämpfe, leicht mit größerer Sicherheit das Gegenteil konstatieren: der Forlschritt einer Idee mußte immer erst von einem einzelnen, einer Minderheit gegen die Mehrheit erkämpft werden. Nicht dies also ist der Weg . .. Hätte Hannah Karminski den grundsätzlichen Standpunkt des Frauenbundes etwa so definiert: Wir glauben, daß es einen Mädchenhandel gibt, ganz gleichgültig, wieviel „Fälle" das Gesetz erfaßt, so ließe sich gegen diesen Standpunkt nicht das Geringste einwenden, und unsere Diskussion wäre beendet, denn in der Sphäre des Glaubens kann es keine Widerlegungen geben — Da sie aber sagt: wir wissen, daß es einen Mädchenhandel gibt, ganz gleichgültig, wieviel Fülle auf Grund der Gesetze erfaßt werden, so muß sie mir gestatten, an dieses Wissen meine allerstärksten Zweifel zu knüpfen, da dieses Wissen doch nicht aus dem leeren Raum, sondern nur aus der Zahl und Betrachtung der „Fälle" gewonnen werden kann. Das Problem — eben weil es ein praktisches und kein theoretisches ist — existiert nur durch die „Fälle", die „Fälle" aber als „gleichgültig" bagatellisieren, heißt das Problem selbst aufheben und bagatellisieren; nun gut: ich bin einverstanden. Mit dem umgekehrten Ver- ') Hier irrt, der VerfaBRer. Wenn überhaupt ein Verschulden vorliegt, so trifft es nicht Fräulein Karminski, sondern die Schriftleitunfr, da seinerzeit UuiBtände maßgeblich waren, die es Kraulern Kanninski nicht möglich machten, schon damals in ausführlicher Weise zu dem Aufsatz Stellung zu nehmen. Die Schriftleitung. 304