Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 302 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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die Prostituierte kann ja in hohem Maße ihre Zeigelust, ihre exhibitionistischen Strebungen befriedigen. Ebenso aber auch können die entgegengesetzten Triebregungen, wie sie als Perversion beim sogen. „Voyeur" auftreten, also eine gesteigerte Schaulust und Neugierde zur Prostitution führen. Auch die Schaulust ist ja bis zu einem gewissen Grade eine auch beim normalen Menschen vorzufindende Triebregung; bei solchen Menschen aber, bei denen sie infolge bestimmter Kindheilserlebnisse eine besondere Stärke erhält, kann sie eine Determinante zur Prostitution werden. Die Prostituierte kann viele Männer sehen, speziell ihr sexuelles Verhalten beobachten und ihre sexuelle Neugierde kommt im hohen Maße auf ihre Kosten. Das sind einige der psychischen Mechanismen, die zur Prostitution führen können und für die Trieblage und den Charakter der Prostituierten entscheidend sind. Aber, so lautet die weitere Frage, werden alle Frauen mit diesen trieblichen Eigenarten etwa Prostituierte, können wir sagen, daß die Prostitution nach Aufzeigung dieser triebhaften Wurzeln erklärt ist? Gewiß nicht, und zwar deshalb nicht, weil die Prostitution nur eine mögliche Form der Befriedigung solcher Triebregungen ist, und zwar —• und das ist hier das wesentliche — unter wirtschaftlich dürftigen und elenden Verhältnissen. Unter wirtschaftlich günstigen Verhältnissen kann eine Frau dieselben Triebregungen befriedigen, ohne in Konflikt mit den allgemeinen moralischen Anschauungen zu kommen. Eine Frau mit besonders starken exhibitionistischen Neigungen kann, wenn sie reich ist, diesen Exhibitionismus reichlich befriedigen, indem sie sich schöne Kleider kauft, sich im Theater, beim Rennen, in Gesellschaften zeigt und sich bewundern läßt. Ebenso kann die reiche Frau ihre Schaulust in einer sublimierten und gesellschaftlich erlaubten Form befriedigen. Sie geht visl ins Theater, liest viel Bücher, pflegt vielen Verkehr, der es ihr ermöglicht, viele Menschen und ihr Leben zu beobachten, macht Reisen, auf denen sie neue Mensehen und Länder kennen lernt usw. Die Dame der Gesellschaft, deren Triebsituation bestimmt ist durch eine kindliche Fixierung an dem Vater und deren Liebesbedürfnisse im Wunsch nach Geldgeschenken vom Mann kulminieren, kann in einer Ehe mit einem reichen Mann die Befriedigung dieser Triebregungen erhalten, ohne irgendwie mit ihrem Gewissen oder der gesellschaftlichen Moral in Konflikt zu geraten. Aus diesen Erwägungen ergibt sich eine wichtige Erkenntnis für unser Problem. Die Prostitution bedeutet die Befriedigung bestimmter T r i e b r e g u n g e n unter bestimmten wirtschaftlichen Verhältnissen oder anders ausgedrückt: die Prostitution ist ein Ausweg aus einer bestimmten, mehr oder weniger neurotischen Situation, da wo die wirtschaftlichen Verhältnisse andere soziale und vom Gewissen gebilligte Auswege und Befriedigungsmöglichkeiten nicht erlauben. Es gilt hier für die Prostitution ein Gleiches wie für einen großen Teil der Kriminellen. Ihre Handlungen sind der Ausfluß bestimmter Triebregungen, denen aber infolge der materiellen Not die Möglichkeit der Sublimierung oder direkten Befriedigung in einer sozial wertvollen und vom Gewissen gebilligten Betätigung fehlt. Es muß bedacht werden, daß der Besitz von Vermögen, bzw. Einkommen, das über die Befriedigung der 302