Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 301 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftssystem unlösbar verbundene Erscheinung und ihre isolierte moralische Bekämpfung nutzlos. Aber die Auffassung, daß die Prostitution nur als Ausfluß der wirtschaftlichen Situation vieler Frauen anzusehen sei, ist einseitig und ungenügend. Sie beantwortet nicht die Frage, warum so viele Frauen, die wirtschaftlich in der gleichen Situation sind wie die Prostituierten, keine Prostituierte werden und also auch nicht die Frage, welches spezifische Auslesemoment für die Hinwendung zur Prostitution maßgebend ist. Welches sind diese psychischen Determinanten, die zur Prostitution führen und welches ist ihr Verhältnis zu den ökonomischen? Wir wissen aus dem Studium der Träume und Phantasien vieler Frauen, daß es eine Reihe von Triebregungen gibt, die sich zum phantasierten Wunsch, Dirne zu sein, verdichten können. In erster Linie sind hier Rachetendenzen gegen den Vater oder einen Mann, der im späteren Leben als imago des Vaters auftritt, zu nennen. Eine Frau, die sich als Kind nicht genug vom Vater geliebt fühlte, der im späteren Leben vielleicht sich das gleiche wiederholte, nämlich, daß sie von einem geliebten Mann enttäuscht wurde, kann erfüllt sein von dem Wunsch, sich am Vater oder am Geliebten zu rächen. Ihr Wunsch nach Rache kulminiert in der Phantasie, Dirne zu werden. Ihr Unbewußtes sagt: wenn du mich verschmäht hast, so werde ich mich jedem hingeben, aber unter erniedrigten Bedingungen, an denen eben du die Schuld trägst. Hier liegt auch die psychologische Funktion des Zuhälters. Es ist keineswegs die Regel, wie man häufig annimmt, daß der Zuhälter sein Mädchen mit brutaler Gewalt zwingt, für ihn auf die Straße zu gehen und Geld zu verdienen. Das Charakteristische des Verhältnisses Prostituierte — Zuhälter ist vielmehr die libidinöse, triebhaft-sexuelle Bindung des Mädchens an den Zuhälter. Während sie den Männern gegenüber, mit denen sie der Beruf sexuell zusammenführt, gleichgültig und uninteressiert ist, ist ihr Zuhälter ihr wirklicher Geliebter. Die nähere Untersuchung ergibt, daß er für das Unbewußte dieses Mädchens den geliebten Vater darstellt und daß das Geld, das sie ihm gibt, die für sie typische Form des Liebesbeweises ist. Es spielt die Rolle, die das Kind als Liebesgeschenk an den Mann bei der gesunden Frau spielt. Die Prostituierte ist gewöhnlich charakterisiert durch die Stärke infantiler Triebregungen, die sich bei ihr erhalten haben und speziell durch die Tatsache, daß ihr Triebleben bestimmt ist von der Haßliebe zum Vater. Ihre Kunden sind das Objekt ihrer Haßbestrebungen, sie sind die Männer, die sie schädigen will, denen gegenüber sie nur einen Wunsch hat, nämlich ihnen etwas wegzunehmen, das Geld. Der Zuhälter ist Objekt ihrer Liebesregungen, dem sie das für sie materiell und psychisch Wertvollste schenken will, ihr Geld. Oder es spielen bei einer Frau Triebregungen eine Rolle, die man als Exhibitionismus bezeichnet, also die Lust, sich zu zeigen, sich zur Schau zu stellen. Wenn diese Triebregung, die bis zu einem gewissen Grade ja bei jedem Menschen vorhanden ist, überstark ist, so kann sie eine der psychischen Grundlagen der Hinwendung zur Prostitution werden. Denn 301