Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 300 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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seinem. Unbewußten noch mit sich herumträgt und die dann zum Vorschein kommen, wenn er auf Personen und Gruppen stößt, die eine Ersatzfigur, eine imago, des Vaters für ihn darstellen. Da bricht beim einen die Liebe und Achtung, die er dem Vater gegenüber gehabt hat, durch und er überträgt sie auf die imago des Vaters (denken wir etwa an die Einstellung von Millionen Menschen zum Kaiser), bei anderen aber bricht ein Haß durch, den sie — meist unbewußt —• als Kind dem Vater gegenüber gehabt haben und den sie nun auf eine imago des Vaters übertragen. Der Haß gegen die Juden spielt insofern eine besondere Rolle, als er von den Schichten der Gesellschaft geschürt wird, die als Herrschende, also als „Väter" selber in Gefahr sind, die Ilaßbcstrebungen der Volksinassen auf sich zu laden und denen die Verschiebung des Hasses auf eine andere imago erwünscht und förderlich ist. Und mit diesem Haß werden auch gewisse Phantasien von einem bösen, grausamen Vater auf die Juden übertragen! Es sind die kindlichen Phantasien der Menschen, die auch im Erwachsenen schlummern und die immer bereit sind, aufzuflackern, wenn eine Gruppe oder ein Mensch auftritt, auf den diese Phantasien übertragen werden können. Hier liegt die Wurzel der Ritualmordphantasie wie aller Greuelphantasien, wie sie prompt auftreten, wenn zwei Völker oder Klassen miteinander Krieg führen. Hier liegt aber auch die Wurzel der Phantasie vom jüdischen Mädchenhändler, der mit seiner „Ware" die ganze Welt bereist. Er ist die Figur des bösen Vaters, der unschuldige Kinder quält und verkauft, die die Phantasie der Kind- und Tagträume der Erwachsenen erfüllt und die hier auf den Juden als imago des Vaters übertragen wird. Das Motiv dafür, daß sich hier so viele Menschen brennend für ein Verbrochen interessieren, das kaum existiert, wie für die Tatsache, daß dieses nichtexistierende Verbrechen gerade den Juden besonders zur Last gelegt wird, ist dasselbe: Die Rolle, die das Verbrechen vom gestohlenen und mißhandelten Kind in den Kinderphantasien und in den Tagträumen der Erwachsenen spielt. Weil der Mädchenhandel leichter zu bekämpfen ist als die Prostitution und Kuppelei, wird er in den Vordergrund geschoben. Seine Bekämpfung wäre aber in Wirklichkeit nur die der Prostitution. Auch gegen diese haben manche Kreise einen Kampf aufgenommen. Der Völkerbundsbeirat über den Mädchenhandel schließt mit der Feststellung: „Alle Schutzmaßnahmen gegen den Mädchenhandel werden vergeblich sein, solange der moralische Tiefstand der Allgeraeinheit die Nachfrage aufrecht erhält. Nur die Erziehung der Jugend beiderlei Geschlechts zu einem solchen sittlichen Standpunkt, kann eine wirkliche Besserung herbeiführen4)." Wir glauben, daß diese Meinung nicht mehr ist als ein frommer Wunsch, an dessen Erfüllbarkeit die Autoren, wenn sie nicht Phantasten sind, wohl selber kaum glauben. Solange es sexuelle Bedürfnisse der Männer gibt und besitzlose Frauen, deren einziges Kapital ihr Körper ist, wird es immer eine Prostitution geben. Die Prostitution ist eine mit dem 4) Der Sachverständigenbericht des Völkerbundes, Gent 1927, herausgegeben vom Deutschen Nationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, Seite 13. 300