Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-11-01 · 6 (November-Dezember 1929) · p. Seite 299

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
6 (November-Dezember 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 299 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794429-4929550-8898167--324-4794746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Phantasie vom verkauften Mädchen gehört ganz in den oben genannten Phantasiekomplex hinein und davon zu sprechen und darüber nachzusinnen, ist für viele Menschen ebenso lustvoll, wie die Lektüre gewisser Schauermärchen, deren Reiz sich ebenfalls aus ihrem Zusammenhange mit infantilen Phantasien ergibt. Wenn damit noch eine besondere Gewissensbefriedigung verbunden ist, so handelt es sich um eine ähnliche Situation wie beim „Voyeur", wenn er als Zensor möglichst viele Pornographien anschauen muß bzw. darf. Recht eng mit dem eben Erwähnten hängt die Tatsache zusammen, daß gerade die Juden in besonderem Maße des Mädchenhandels beschuldigt werden. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob realiter unter den Mädchenhändlern, oder richtiger gesagt, den internationalen Kupplern und Zu- •hältern, sich eine mehr oder weniger große Anzahl von Juden befindet: Wenn es so ist, so erklärt es sich hinreichend aus der sozialen Situation gewisser jüdischer Schichten, und es ist keinerlei Aufregung auf jüdischer Seite nötig. Wenn es nicht so ist, so können entsprechende Nachrichten sachlich widerlegt werden. Ganz anders verhält es sich aber mit der Tatsache, daß von antisemitischer Seite gegen die Juden häufig der Vorwurf des Mädchenhandels als eines aus dem jüdischen Charakter entspringenden, typisch jüdischen Verbrechens erhoben wird. Auch hier handelt es sich um eine Phantasie, deren Zusammenhang mit der Ritualmordphantasie und anderen ähnlichen recht deutlich ist. Aber an dieser Stelle ist es nötig, einige Bemerkungen über die Psychologie des Antisemitismus einzuschalten. Es ist gewiß richtig, wenn man für den Antisemitismus eine Reihe rationaler Faktoren, vor allem wirtschaftlicher, als Motive angibt. Aber es ist völlig verfehlt, darin die einzige Wurzel des Phänomens zu erblicken. Es handelt sich beim Antisemitismus um ein libidinöses, triebhaftes Verhältnis einer Gruppe zu einer anderen. Der Antisemitismus stellt daher nur den einen Gefühlspol einer Beziehung dar, deren anderer Pol ein Philosemitismus ist, eine ausgesprochene Hinneigung und Liebe zu den Juden, wie sie sich im Verhältnis der Juden zu den europäischen Völkern nicht weniger deutlich zeigt als der Antisemitismus. Sie äußert sich in der Hinneigung einzelner Persönlichkeiten von geistigem Rang zu Juden und Judentum, in den häufigen Mischehen, ja einfach in der Tatsache, daß man trotz aller Feindschaft und Verfolgung, die Juden weder ausgerottet noch vertrieben hat, wozu man die äußeren Machtmittel ja gehabt hätte. Das Verhältnis der europäischen Völker zu den Juden läßt sich am besten als eine ,,Haß-Liebe", eine ambivalente Gefühlseinstellung bezeichnen. Wir können auch einiges über die Motive dieser Ambivalenz sagen. Die Juden sind das alte Volk gegenüber den jüngeren europäischen Völkern. Sie sind symbolisiert durch die Gestalt Ahasvers, des ewigen Juden, des Greises, der mit dem Wanderstab ruhelos durch die Länder streifen muß. Auf sie wird ein Stück der Gefühlseinstollung und der Phantasien übertragen, die der Mensch als Kind dem Vater gegenüber gehabt hat und die er auch als Erwachsener in 299

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.