Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 298 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Polizei beseitigbaren, aber real relativ unwichtigen Tatbestand, um dein eigentlichen Problem auszuweichen und sein Gewissen zu befriedigen. Man möchte gerne gegen die Prostitution etwas tun, und da man gegen sie nichts Wesentliches tun kann, spitzt man sie auf den Tatbestand eines1 Verbrechens zu, gegen das man viel mehr tun könnte, — wenn es da wäre. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, wo der Kampf gegen gerüstete Gegner aussichtslos erscheint. Aber in dieser Verschleierungstendenz gegenüber den der gesellschaftlichen Moral peinlichen, aber in der heutigen Gesellschaft notwendigerweise vorhandenen Tatsachen der Prostitution, Kuppelei und Zuhälterei durch Verschiebung auf den formalen Tatbestand des Mädchen„handels" liegt mir eines der Motive, die dazu führen, daß die Phantasie vom Mädchenhandel für weite Kreise des Publikums so faszinierend ist, daß der Mädchenhandel Gegenstand vieler Filme, Inhalt vieler erfundener Zeitungsnachrichten ist, daß sich in vielen Ländern besondere Vereine zu seiner Bekämpfung gebildet haben, daß der Völkerbund ihm eine kostspielige Enquete gewidmet hat und daß seiner Bekämpfung in internationalen Rechtsvereinbarungen Privilegien gegenüber den meisten anderen schweren Verbrechen eingeräumt worden sind. Gewiß, das alles ist Ausdruck eines intensiven Schuldgefühls der Gesellschaft gegenüber dem Tatbestand der Prostitution und des Wunsches nach ihrer — wenn auch fiktiven — Bekämpfung, aber wir müssen einige Schritte psychologisch tiefer tun, um das Reizvolle und Faszinierende der Mädchenhandelsphantasie zu verstehen. Jeder, der sich in seinen Tagträumen (d. h. den im Wachen zustande kommenden Träumereien, die in geringerem Maße als das rationale Denken der moralischen und intellektuellen Zensur von Gewissen und Urteil unterliegen), oder wer Kinder in ihren Phantasien aufmerksam beobachtet, weiß, welche Rolle ein Phantasiekomplex spielt, dem gemeinsam ist, daß dem Kinde etwas Schreckliches vom Vater, oder einer für den Vater stehenden Figur desselben, einer „imago" des Vaters geschieht. Es sei hier erinnert an die Phantasie vom Ritualmord oder dem Kindermord überhaupt, an die so sehr verbreitete Phantasie vom Kinderraub, speziell dem Kinderraub durch Zigeuner (ein Tatbestand übrigens, der wohl ebenso selten vorkommt, wie der „Mädchenhandel"). Oder an die Phantasie so vieler Kinder, daß ihre Eltern gar nicht die richtigen seien, daß sie vertauscht oder verkauft worden seien und einem anderen Vater gehörten, der sie auch eines Tages holen würde. Es ist hier nicht der Ort, um auf die Wurzel dieser Phantasien näher einzugehen. Es ist auch zum Verständnis des Zusammenhangs, in dem hier davon gesprochen wird, nicht nötig. Denn es kömmt hier nur auf die Tatsache an, daß Phantasien, die den Inhalt der Tagträume und der infantilen Phantasien der Menschen ausmachen, außerordentlich faszinierend wirken und daß Gelegenheiten, bei denen diese Tagträume aktiviert werden, wie im Film oder Roman, als angenehm und reizvoll empfunden und gesucht werden. Dies natürlich um so mehr, wenn eine Befriedigung des Gewissens damit verbunden ist wie in unserem Falle. 298