Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 294 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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den und weder die Würde, den Segen, noch, die Notwendigkeit der Arbeit kannten; es war viel mehr der Müßiggang, der sie der Verführung zugänglich machte, als die Not des Lebens. Wie sollten sie, die nicht wußten, daß Arbeit ein jüdisches Gebot ist, wissen, daß auch die Reinheit ein solches Gebot ist, — daß im Mittelpunkt jüdischer Lebensführung das Wort „Seid heilig" steht? Dieses Wort lebendig zu machen im Gewissen der Jugend und im Leben der Erziehenden (Eltern, Lehrer, Vorgesetzten), das ist jüdische Erziehungsarbeit. Ueber ihren Umfang kann hier nicht gesprochen werden, weil er das ganze Leben bedeutet. Nur über ihre Notwendigkeit, weil uns die Tatsache der unheiligen Lebensführung bekannt ist, und nicht fatalistisch hingenommen werden kann. Wer Unrecht geschehen läßt, tut selbst Unrecht. Es kommt also für uns nicht darauf an, die Begriffsumgrenzung zu finden, wo die Tatsachen, die wir nicht an1 zweifeln, darüber hinausgegangen sind. Auch eine Polemik gegen die Begriffsverschiedenheit wäre nicht nötig, wenn nicht in der Kreutzbergerschen Begriffsbestimmung die Gefahr läge, auch die vorbeugende Arbeit überflüssig erscheinen und die Gewissen ohne Beunruhigung zu lassen. Gewiß würde hier jede Ueber treibung schädlich sein, aber die Untertreibung ist es ebenso. Schon ein Fall muß für uns ein Warnungssignal sein, und es ist gleichgültig, wie hoch in der Statistik die Zahlen steigen oder fallen. Wenn davon gesprochen wird, daß man die Frage der jüdischen Prostitution im Osten nicht von der jüdischen Gesamtnot trennen kann, liegt darin nicht der Weg gekennzeichnet, den wir gegen diese Gesamtnot zu gehen haben? Ein kleiner Hoffnungsstrahl ist es, daß als Folge jahrzehntelanger Bemühungen — vor dem Kriege von Bertha Pappenheim begonnen — die Zustände allmählich anfangen, sich zu bessern. Es gibt noch keine genauen Zahlen darüber, wie viele Mädchen z. B. in einer der dichtesten Judensiedlungen, in Galizien, in den letzten Jahrzehnten durch die Beth-Jacob-Bewegung zur Freude an der Arbeit und zur Sicherheit eigener Leistung gekommen und dem leichteren Wege des Verdienstes entzogen worden sind. Aber wir haben dafür das Zeugnis solcher Menschen, die ihr Leben für diese Arbeit hingeben, und dem bequemen Dasein westlicher Kultur entsagen, nur um jenes Gebot der Heiligkeit, das die Lebensnot vernichtet hatte, dem Leben der Jugend wiederzugeben. Heute werden 20 000 Mädchen geschützt; und übermorgen können es 100 000 sein, und einmal wird kein Handel mehr möglich sein, weil er keine Objektö finden wird. Deshalb kann man an eine Frage, wie die vorliegende, soll sie gelöst werden, nicht mit Pessimismus herangehen. Das wäre nicht nur unfruchtbar, es wäre auch unjüdisch. III Zur Psychologie des Mädchenhandels und seiner Bekämpfung Von Dr. Erich Fromm Wenn in den folgenden Ausführungen zum Problem des Mädchenhandels nochmals das Wort ergriffen wird, so nicht, um den ganz aus- 294