Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 293 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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II Paula Ollendorff, Breslau, 2. Vorsitzende d. Jüdischen Frauenbundes Zum Aufsatz von Dr. Max Kreuzberger (über das Problem des internationalen Mädchen- und Frauenhandels hat die Geschäftsführerin des Jüdischen Frauenbundes, Frl. Hannah Karminski, in kurzen Worten den entgegengesetzten Standpunkt des Jüdischen Frauenbundes gekennzeichnet. Der Jüdische Frauenbund muß, wenn er von der Basis seiner Arbeit ausgeht, nämlich die Reinheit des jüdischen Lebens als ein göttliches Gebot aufzufassen und sie, wo sie befleckt ist, wieder herzustellen, gegen eine Auffassung protestieren, die in solchen Zuständen eine ökonomische und soziale Notwendigkeit sieht. Unsere Arbeit wäre damit von vornherein zur Vergeblichkeit verurteilt, wie jede soziale Erziehungsarbeit überhaupt. Unser Protest beginnt schon gegenüber dem ersten Wort der außerordentlich gründlichen und scharfsinnigen Arbeit: bei der Definition des Begriffes „Mädchenhandel". Der Verfasser sieht einen Hauptpunkt darin, daß das Delikt entweder in verschiedenen Ländern begangen oder in mehr oder weniger gewaltsamer Wegführung von Frauen und Mädchen aus der Heimat, oder in einer Verleitung zu einer Reise ins Ausland begangen wird. Wir müssen uns die Auffassung der großen Kämpferin gegen jede Art von Unsittlichkeit, Anna Pappritz, zu eigen machen, indem wir in jeder gewerbsmäßigen Zuführung einer weiblichen Person zur Unzucht einen Handel sehen, den wir bekämpfen. Wir nehmen also das Bestehen eines Mädchenhandels an, übrigens auch eines internationalen Mädchenhandels nach den veröffentlichten Berichten des Völkerbundes, trotzdem sie manchen leicht aufklärbaren Irrtum enthalten. Wenn es einen Mädchenhandel gibt, so muß es auch Kampf dagegen geben, Kampf nach zwei Seiten. I. Der Kampf richtet sich gegen den Händler. Hier tritt die Gesetzgebung ein, die von den Ländern ausgeht, die vom Völkerbund gewünscht wird, und die von der öffentlichen Meinung beeinflußt werden muß, also auch von uns. Wir haben daran neben dem allgemein menschlichen auch ein besonderes jüdisches Interesse, wenn auch nur ein Jude unter den Händlern ist. II. Der Kampf ist ein Kampf um die Opfer, die bedauernswerten Mädchen und Frauen. Hier ist das eigentliche Feld unserer Erziehungsarbeit. Solche Mädchen werden leicht beeinflußbare Objekte des Handels, die, obwohl jüdisch geboren, die Reinheit des Lebens nicht als Daseinsbedingung kennen oder erkennen. Unwissenheit und Unerzogenheit, Leichtsinn, Vergnügungssucht, manchmal, aber viel seltener als Dr. Kreutzberger annimmt, wirkliche Not lassen es zu, daß sie auf Irrwege geraten. Zum Vergleich sei auf die Broschüre von Elga Kern hingewiesen, deren Lebensläufe 35 bordeliierter Mädchen dies auch ergeben, und die Dr. Kreutzberger einmal auch gegen seine Theorie von der ökonomischen Notwendigkeit anführt, während er ein andermal ihrer Beweiskraft widerspricht. . Wie die sozial arbeitenden Frauen aus den östlichen Ländern immer wieder versichern, ist es das größte Unglück unter den der sittlichen Not erliegenden Frauen und Mädchen, daß diese nicht zur Arbeit erzogen wur- 293