Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 292 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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und in denen Mädchen und Frauen Rettung und Hilfe zuteil wurde. Neue Berichte, die einzelne Fälle betreffen, haben wir aus Mexiko, Frankreich, Spanien und Portugal, aus Ungarn usw. erhalten. Unsere Gesellschaft in London erhält alle diese Berichte und bringt die verschiedenen zuständigen Behörden und Komitees in Berührung miteinander und nutzt die so gewonnene Erfahrung aus, um durch den Völkerbund in Genf oder internationale Konferenzen gesetzgeberische oder verwaltungsmäßige Maßnahmen anzuregen. Kein Land könnte dem Einfluß des Völkerbundes in dieser Sache widerstehen, und alle, selbst die moralisch am weitesten zurückgebliebenen, haben sich bemüht, zu zeigen, daß sie die Ausrottung des Mädchenhandels wünschen. Aber der Erfolg solcher Bemühungen hängt hauptsächlich von Anstrengungen nach zwei Richtungen ab: Zunächst müssen an der Quelle des Uebels den Mädchen und Frauen die Gefahren der Arbeit der Mädchenhändler gelehrt und gezeigt werden, und es muß ihnen mehr Gelegenheit gegeben werden, ihren Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen und mehr Lebenskenntnisse zu erwerben. Sie müssen moralisch und religiös erzogen werden. Der Vermittler muß mit allen Machtmitteln eines aufgeklärten Staates bekämpft werden. Die Prostitution und die Ursachen, die zur Prostitution führen, müssen durch Erziehung und durch Erweiterung der Wirkungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen bekämpft werden. Der Kampf gegen die „Armut" muß — ich erkenne dies vollständig an — fortgesetzt werden. Zweitens: In den Ländern, die als „Import-Länder" bekannt sind, muß ein Feldzug geführt werden, um die Schäden des Systems der Bordelle darzutun und um den Menschen zu Bewußtsein zu bringen, daß, wenn keine Nachfrage wäre, auch kein Angebot sein würde. Auf wem soll die Verantwortung für solche Aufklärungsarbeit ruhen? Natürlich müssen die Regierungen ihr Teil daran haben. Aber es ist bekannt, daß Regierungen nicht allzu beweglich sind, und daß sie nur auf eine starke öffentliche Meinung reagieren. Deshalb haben die freien Organisationen die Pflicht, eine solche öffentliche Meinung zu schaffen und diejenigen, die Ihre „Zeitschrift" und ähnliche Veröffentlichungen in den verschiedenen Ländern lesen, sind sicher die Menschen, auf denen in Zukunft diese Arbeit ruhen wird. Meine Organisation möchte ihre internationale Arbeit ausdehnen und festigen. Bis jetzt hat sie in den jüdischen Gemeinschaften etwas allein gestanden bei der praktischen Durchführung des Kampfes gegen den Mädchenhandel. Sie begrüßt die Resolutionen der Weltkongresse jüdischer Frauen, sowohl in Wien 1923 als auch in Hamburg 1929, bei dieser Arbeit mitzuwirken. Aber es ist anerkannt, daß dies keine Sonderarbeit ist, daß sie von Männern und Frauen in gemeinsamer Arbeit durchgeführt werden muß, und wenn die reicheren Mitglieder der jüdischen Gemeinden in allen Teilen der Welt ihren Beitrag zu dem Zentralen Fonds des Bureaus in London leisten würden, dann würde seine internationale Arbeit, sowohl in ihrer praktischen Wirksamkeit in jedem Lande, wie in dem internationalen Charakter der Mitgliedschaft seiner Komitees, außerordentlich gestärkt werden. (Aus dem Englischen übersetzt.) 292