Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 290 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wirtschaftliche und soziale Bedingungen die Haupt-, ja fast die alleinige Ursache der Prostitution sind, gibt er sein Allheilmittel an, nämlich: „die Lebensnotwendigkeiten für jedermann zu sichern". Glaubt er wirklich, dies würde dies Uebel ausrotten? Wenn er dies glaubt, so fürchte ich, daß er ein schlechter Kenner der menschlichen Natur ist. „Wenn die Arbeit nicht lohnt und das Brot nicht garantiert, wenn sie dem Menschen die primitivsten Erfordernisse eines menschenwürdigen Daseins nicht sichert, dann nützen alle pädagogischen Programme, alle organisatorischen Unternehmungen, alle internationalen Konferenzen nichts." Aber sogar wenn die Ausrottung aller Armut das Uebel beseitigen würde, sollen wir deshalb müßig warten, bis diese ferne Zeit gekommen ist, in der die Ausrottung erfolgt sein wird? Soll man dasitzen und die Arme verschränken und erlauben, daß unterdessen das Laster wirkt, wie es will? Wir müssen den Kampf fortführen gegen Sünde und Betrug, um das Leid zu mildern, um die Unschuldigen zu befreien, um die Gesunkenen zu retten. Wenn der Verfasser des Artikels dann zu der jüdischen Seite der Frage kommt, so stimmt er darin zu, daß es einige Juden gibt, die an dem schrecklichen Handel teilhaben, aktiv und passiv, aber er versucht, das Vergehen zu verringern, indem er sagt, sie handeln als „eine internationale Stellenvermittlung der internationalen Prostitution". Diese Anschauung steht in einer Reihe mit der Feststellung, daß „Prostitution eine soziale Notwendigkeit" ist, und, da es eine „soziale Notwendigkeit" ist, daß es Menschen geben muß, um sie zu regulieren. Ein schmerzlicher Gedanke! Besonders schmerzlich, daß er in einem jüdischen Wohlfahrtsblatt fast geäußert wird, um als Rechtfertigung der jüdischen Teilnahme an dem Mädchenhandel zu erscheinen. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß es, sogar in Osteuropa, in den ärmsten der jüdischen Gemeinden, nicht richtig ist, die wirtschaftliche Lage für diese ganze Not verantwortlich zu machen. Ich gebe zu, daß die sozialen und wirtschaftlichen Zustände der Juden in allen osteuropäischen Ländern eine Schande für die Zivilisation sind und viel Schlechtes erzeugen. Daß die Juden im allgemeinen einen hohen Stand von Moral und Reinheit trotz dieser schrecklichen Lebensbedingungen haben bewahren können, ist zum großen Teil ihr Verdienst; es zeigt, daß ihr häusliches Leben, so lange sie unter starkem religiösen Einfluß standen, auf einem höheren Niveau stand, als das der Menschen ihrer Umgebung. Aber da waren jene, die an die sogenannte „Stellenvermittlung" glaubten, und die als ihre Vermittler tätig wurden, vielleicht (um ihnen eine Entschuldigung zu geben) weil sie keinen anderen Handel finden konnten, oder vielleicht, weil es auf diese Art leichter war, Geld zu verdienen. Sie ruinieren die Mädchen und zerstören die Familien, nicht um lokaler und nationaler „sozialer Notwendigkeiten" willen, sondern zum Export nach anderen Ländern. Diese Länder waren froh, diese Zwischenhändler zu finden, die ihnen fremde Mädchen verschafften; denn in den Gegensätzen liegt ein großer Anreiz. Und darum beteiligten sich, unter anderen, auch Juden an diesem gottlosen Geschäft. Es ist selbstverständlich völlig unwahr, daß dieser Handel durchaus ein jüdisches Unternehmen ist. Jedoch berechtigt mich meine gründliche Kennt- 290