Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 6 (November-Dezember 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 288 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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fernt ist, dann werden diejenigen Länder, welche bisher die Unterscheidung noch nicht aufgegeben haben (eine Anzahl hat dies bereits getan), sich bald ebenfalls anschließen. Es wird davon gesprochen, daß „die sonderbarsten Gerüchte über die Frage des Mädchenhandels im Schwange sind, die sogar die überlegensten Menschen in Unruhe versetzen". Es ist wahr, daß viele Zeitungen, auf der Suche nach sensationellem Stoff, übertriebene und sogar vollständig unwahre Angaben über gewöhnliche Fälle von Kuppelei oder Mädchenhandel machen. Aber das schafft die Tatsache nicht aus der Welt, daß der schreckliche Handel weiter betrieben wird, daß viele Fälle der Polizei und den privaten Organisationen bekannt sind, daß es viele Männer und Frauen gibt, die willens sind, finanzielle Vorteile für sich aus dem Unglück eines Mädchens zu ziehen, und daß manche von den Nebenumständen, die solch ein Geschäft begleiten, unmenschlich und nicht auszusprechen sind. Laßt uns nicht vergessen, daß man von allen Dingen, die mit sexuellen Beziehungen zu tun haben, bis vor wenigen Jahren mit leiser Stimme sprach:, ausgenommen vielleicht einerseits in den Kreisen, in denen man „Prostitution als soziale Notwendigkeit" betrachtete, einander unanständige Geschichten erzählte, und Vergnügen daran fand, junge Menschen in diese Geschichten einzuweihen (was traurige Ergebnisse hatte), oder andererseits überall da, wo man an dem Absatz anstößiger Veröffentlichungen interessiert ist. Dadurch wurde der Kampf um gesetzgeberische oder etwa gleichbedeutende Verwaltungs-Maßnahmen in den meisten Ländern lange verzögert. Wenden wir uns wieder der Frage nach der Zahl der Opfer zu, so müssen wir uns fragen, wie man sich die große Zahl der Prostituierten in den Bordellen der südamerikanischen Länder erklären kann, die unfähig sind, ein Wort der Sprache jener Länder zu sprechen. Wie gerieten sie dorthin? Sicherlich haben sie sich nicht bewußt entschlossen, in ein fremdes Land auszuwandern, um in ein Bordell zu gehen und dort täglich von Männern 30-, 40- oder sogar 50mal am Tage mißbraucht zu werden. Woher kamen sie? Gewöhnlich waren sie arme Mädchen oder Frauen, die in Dörfern lebten und von dort in die ärmeren Viertel der großen Städte zogen. Wie kommt es, daß „Armut" so allgemein und auch wahrheitsgemäß als die letzte Ursache des schrecklichen Schicksals angegeben wird, das über diese unglücklichen Frauen gekommen ist? Gibt es keine Prostituierten, die aus Familien stammen, denen es wirtschaftlich gut geht? Der Grund ist der, daß die Mädchenhändler und die Vermittler, die Zuhälter und die Bordellhalter wissen, wieviel leichter es ist, ein armes Mädchen zu überreden, zu verführen oder zu hintergehen, als ein wohlhabenderes Mädchen. Dem. armen Mädchen fehlt gewöhnlich die Erziehung, fehlt die Lebenserfahrung; es ist durch eine sehr enge Umgebung in seinem Gesichtskreis begrenzt. Es hat nichts, wohin es wieder zurück kann, wenn es einmal in die Klauen jener gelockt worden ist, die es ausbeuten; wollen. Aber — mag es sein, daß die Armut eine letzte Ursache ,ist, müssen wir deshalb nicht die mitleiderregende und schreckliche Folge bekämpfen und ihr vorbeugen? 288