Mannheim
Compact Memory

Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-09-01 · 5 (September-Oktober 1929) · p. Seite 264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
5 (September-Oktober 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 264 (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794429-4929550-8238435--286-4794709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ist meist durch den geringeren Verdienst des Jugendlichen während der Lehrzeit teurer. Oft muß aus diesem Grunde der Berufswunsch des Jugendlichen zurückgestellt werden. Dem nichtjüdischen Jugendlichen stehen Stipendien zur Verfügung, die jüdischen Jugendlichen, insbesondere wenn sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben, nicht zugänglich sind. Die früher zahlreichen Fonds zur Förderung des Handwerks unter den Juden sind infolge der Geldentwertung zum größten Teil eingegangen, und Lehrlings- oder Gesellenheime, die den Jungen die Ausbildung ermöglichen würden, gibt es nur in geringer Anzahl. Geld für die Berufsausbildung der Jugend ist für jede Gemeinschaft das bestangelegte Kapital, und jeder Pfennig, der hier ausgegeben wird, kann in späteren Jahren vielfach erspart werden, weil ein gut ausgebildeter Arbeiter weit seltener hilfsbedürftig wird, als jemand, der keine Berufsausbildung genossen hat. Die jüdischen Gemeinden tun ihr Möglichstes, um jedem ihrer jugendlichen Mitglieder eine geordnete Berufsausbildung zu gewähren; die Anforderungen sind jedoch so groß, daß sie nur durch tätige Mithilfe der gesamten jüdischen Gesellschaft erfüllt werden können. Während bei Inanspruchnahme aller Kräfte und Mittel die Einordnung des jüdischen Jungen in das Wirtschaftsleben durchaus so erfolgen kann, daß er teilhat am wirtschaftliehen Fortschritt, liegt die Frage für Mädchen bedeutend schwieriger. Das jüdische Mädchen in der Fabrik ist kaum denkbar, und eine Einstellung in den Fabrikbetrieb ist auch aus verschiedenen Gründen abzulehnen. Ebenso problematisch ist die Lage des hauswirtschaftlichen Berufes für das jüdische Mädchen. Jene beiden größten Berufszweige der nichtjüdischen Berufsanwärterin kommen für unsere Mädchen fast gänzlich in Fortfall. Hinzu kommt, daß das jüdische Mädchen den Erwerb meist als einen Uebergang ansieht, um den sich lange Sorgen zu machen nicht lohnt. Leichte, angenehme Arbeit und eine angesehene Stellung im Freundinnenkreise sind trotz der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse noch immer in der Mehrzahl der Fälle der Gesichtspunkt, unter dem der Beruf gewählt wird. So ist es nicht verwunderlich, daß das Büro mit der verhältnismäßig kurzen und billigen Lehrzeit, die Schneiderei, in der man bald seine eigene Garderobe selbst herstellen kann u. a. von der größten Zahl der Mädchen bevorzugt werden. Bei den Absolventinnen höherer Schulen sind die halbwissenschaltlichen Berufe, wie Laborantin, wissenschaftliche Hilfsarbeiterin usw. trotz der Aussichtslosigkeit sehr beliebt, und auch jene Mädchen, die sich den pflegerischen Berufen widmen wollen, kommen mit gänzlich falschen und berufsfremden Vorstellungen zur Berufsberatung, und es fällt ihnen sehr schwer, sich den Forderungen des Berufes zu fügen. Die Frage der Berufswahl ist für die weibliche Jugend infolge der geringeren Auswahl und der weit größeren Konkurrenz viel schwieriger, zumal die Berufsentwicklung der weiblichen Berufe viel unsicherer und schwankender ist als die der männlichen. Hier wird es nach wie vor darauf ankommen, lediglich nach Neigung und Eignung zu entscheiden und jedem Mädchen seiner Begabung entsprechend zum gewünschten Beruf zu verhelfen, wobei entscheidend ist, daß die Mädchen nicht mit falschen und übertriebenen Vorstellungen ihre Berufslaufbahn beginnen. Nach dem Gesagten scheint es fast, daß die Berufsaussichten allzu ungünstig beurteilt seien; vielleicht läßt sich aber umgekehrt gerade sagen, daß uns heute alle Berufe wieder offen stehen, wenn wir bereit sind, sie zu erobern, wenn wir mit der Entwicklung der Wirtschaft Schritt 264

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.