Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 263 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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rung ständig fortschreitet, ergibt sich als notwendige Folge die Einstellung jedes Gliedes der Gesellschaft auf diese Entwicklung, und es ist wesentliche Aufgabe jeder Berufsberatung, die Jugendlichen zu veranlassen, ihre Berufswahl unter diesem Gesichtspunkt vorzunehmen. Die Möglichkeit einer Durchführung scheitert jedoch sehr oft an der Schwierigkeit, begabte jüdische Jugendliche in nichtjüdischen Großbetrieben unterzubringen. Selbst wenn die praktische Schwierigkeit überwunden wird und die Einstellung erfolgt, ist es kaum ratsam, robuste und jüdisch bewußte junge Menschen in die Großbetriebe zu bringen, weil es für alle diese Jungen und Mädchen, die eine handwerkliche Tradition nur selten haben, schwer ist, sich durchzusetzen. Trotz der genannten Hindernisse wird es wichtig sein, daß die jüdische Jugend den Kampf um die Eroberung der handwerklichen Schwerberufe aufnimmt, daß sie diese Schwierigkeiten überwindet, um am Fortschritt der Wirtschaft teilzuhaben und nicht nach wenigen Jahrzehnten in den produktiven Berufen dasselbe Fiasko zu erleben, das der jüdische, früher selbständige Kaufmann heute überall erleben muß. Die Produktivierung des jüdischen Volkes wird davon abhängig sein, ob die Fabriken, und auch die höheren Posten, Juden zugänglich sein werden oder nicht. Eine besondere Schwierigkeit besteht für diejenigen Jugendlichen, die am Sabbath nicht arbeiten. Für sie bestehen alle diese Probleme in einer verschärften Form, und für sie gibt es oft nur eine Frage bei ihrer Berufswahl, nämlich die nach der raschesten Erlangung einer Selbständigkeit. Die Zahl der kaufmännischen Betriebe, die am Sabbath geschlossen halten, sinkt ständig, und die Qualität der Lehrstellen ist oft unter dem Durchschnitt. Nach der Lehrzeit eine Stellung zu finden, ist fast hoffnungslos, und es bleibt dann meist nur die Möglichkeit einer baldigen kleinen Selbständigkeit. Etwas günstiger liegt es in den handwerklichen Berufen, wo die Ausbildung besser und die Arbeitsbeschaffung nach der Lehrzeit nicht so schwierig ist. Doch kommen hier nur Berufe in Frage, die heute noch in Kleinbetrieben ausgeübt werden, wie Schneiderei, Kürschnerei, Elektrotechnik usw. Mit der zunehmenden Rationalisierung entstehen auch hier immer wieder Schwierigkeiten, so daß die Arbeitsmarktlagc der orthodoxen jüdischen Arbeitnehmer in immer steigendem Maße trostlos wird. Wenn man die Eroberung des Großbetriebes und der Fabrik £ür die jüdische Jugend erstrebt, so entsteht die vielumstrittcnc Frage, ob man gelernte oder ungelernte Arbeit bevorzugen soll. Es wird vielfach behauptet, daß bei fortschreitender Rationalisierung und Mechanisierung die gelernte Arbeit an Wert verlöre und daß es genüge, ein ungelernter bzw. angelernter Arbeiter zu sein. Demgegenüber steht das Beispiel Amerikas, jenes Landes der stärksten Rationalisierung, in dem im letzten Jahre mehr als eine Million Lehrlinge ausgebildet worden sind. Für die jüdische Jugend kommt es darauf an, eine fachliche Ausbildung zu erhalten, die es ihr ermöglicht, in Abhängigkeit eine soziale Stellung zu erlangen, die der früher erstrebten wirtschaftlichen Selbständigkeit gleichkommt. Für Jungen kommt in Berlin natürlich in erster Reihe die Metall- und Holzindustrie in Frage, Gebiete, die durchaus Aufstiegsmöglichkeiten für begabte junge Menschen bieten. Dieser Aufstieg kann jedoch nur bei guter Vorbildung und vorzüglicher Berufsschulung erreicht werden. Hier entstehen wesentliche Aufgaben für die jüdische Gesamtheit. Die handwerkliche Ausbildung dauert im allgemeinen länger als die kaufmännische und 263