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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-09-01 · 5 (September-Oktober 1929) · p. Seite 262

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
5 (September-Oktober 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 262 (sequence 30)
Language
German
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Eines allerdings hat der „Berufliche" — abgesehen von den verhältnismäßig seltenen Fällen der lebenslänglichen Anstellung als Beamter — vor dem „Ehrenamtlichen" ausschließlich voraus: man kann ihm — man soll ihm — kündigen, wenn er nichts taugt. Auf allen Gebieten des Lebens, die mit wirtschaftlichen Gesetzen zu rechnen haben, eliminieren sich die Untauglichen, manchmal mit unmenschlicher Härte. Diese Härte ist, wenn man so will, im Hinblick auf die Aufgabe, im Grunde eine ethische. Der beruflich Arbeitende unterliegt also diesen wirtschaftlichen Gesetzen — der ehrenamtliche jedoch nicht. Kronheimer. Die Berufsaussichten der jüdischen Jugend. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hat in bezug auf die Beurteilung des Berufslebens entscheidende Aenderungen gebracht, die zunehmende Rationalisierung und die dadurch bedingte Proletarisierung hat einen wesentlichen Einfluß auf die Berufswahl der schulentlassenen Jugend gehabt. Immer mehr werden kleine Betriebe von den großen verdrängt, in immer höherem Maße wird der Zwischenhandel ausgeschaltet, ständig wächst das Heer der Arbeiter und Angestellten in dem Maße, in dem die Zahl der selbständigen Kaufleute und Gewerbetreibenden abnimmt. Täglich wirft die Einrichtung neuer Rationalisierungsmaßnahmen Menschen aus Positionen, die sie jahrelang innehatten und zwingt sie zu einer völligen Umstellung, verlangt von ihnen eine neue Berufsentscheidung, damit sie gesellschaftlich tüchtig bleiben und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit behalten können. Mehr als jede andere Bevölkerungsschicht ist die jüdische Jugend von dieser wachsenden Proletarisierung betroffen worden, und die veränderte Wirtschaftslage hat eine völlige ideelle und wirtschaftliche Umstellung von ihr gefordert. Diese Jugend, zum großen Teil kleinbürgerlich orientiert, erkennt plötzlich, daß die bisher in ihrem Kreise übliche Berufswahl ihren Sinn verloren hat. Es ist heute nicht mehr zweckmäßig, Kaufmann zu werden, wenn man keiu großes Kapital hat; Angestellter in einem der großen Warenhäuser zu werden, ist zumeist nicht das Ideal desjenigen Jungen, der sich den Kaufmannsberuf erwählt. Die meisten haben diese Lage erkannt und ihre Berufswünsche in Erkenntnis dieser Situation geändert. Auf diese Weise entstand zumeist der Wunsch, Handwerker zu werden, weil es hier augenscheinlich noch Möglichkeiten zur Erlangung einer beruflichen Selbständigkeit gab. Es ist unnötig, zu betonen, daß diese Erwägungen nicht für jenen Teil jüdischer Jugend in Betracht kam, der seine Berufswahl einer jüdischen und politischen Idee unterordnete und infolgedessen seine Wahl nicht aus rein beruflichen Gründen traf. Die jüdische Berufsberatung, die alle Kreise der jüdischen Jugend zu erfassen bestrebt ist und Jugendliche aller Bevölkerungsschichten bei sich sieht, kann aus der Erfahrung der letzten Jahre mitteilen, daß vorwiegend jene handwerklichen Berufe erwählt werden, die eine spätere Selbständigmachung ermöglichen, also nicht eigentlich proletarische Berufe sind. Nur verhältnismäßig selten werden Berufe in der Großindustrie gewünscht und erwählt. Die Gründe für diese Berufswahl sind zunächst die bereits oben erwähnte Flucht vor dem Proletarierlum, zweitens die besonders schwierige Stellung des jüdischen Arbeitnehmers in einem nichtjüdischen Betriebe. Während die erste "Frage eine psychologische und individuell lösbare ist, ist die zweite eines der entscheidenden Probleme der jüdischen Berufsberatung überhaupt. Da sowohl die Rationalisierung wie auch die Proletarisie- 262

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