Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 248 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Problem, welches in absehbarer Zeit seine ganze Tragik vor den Augen der Regierungen der osteuropäischen Länder enthüllen wird. Denn mit der fortschreitenden Entwicklung Rußlands in der Richtung ausgesprochen kapitalistischer Formen und mit der zunehmenden Konsolidierung des polnischen Staates, der seine Industrie und seinen Handel den neuen Verhältnissen der allgemein-europäischen Wirtschaft anpaßt, wird die jüdische Bevölkerung des Ostens einen viel engeren Spielraum zur Verfügung haben, als vor dem Weltkriege. Und selbst im beschränkten Bereich des Kleinhandels, des Handwerks und der Kleinfabrikation, in welche die jüdische Bevölkerung abgedrängt wird, wird sie schwer um ihre Position zu kämpfen haben. In dem vorliegenden Aufsatz sollen die soeben summarisch wiedergegebenen Ausführungen des erwähnten Artikels weiter verfolgt und vertieft werden. Wir betrachten hier das osteuropäische jüdische Problem unter dem bevölkerungspolitischen Gesichtspunkt und heben dabei folgende drei Fragen hervor: 1. Wie verhält sich das gegenwärtige quantitative Wachstum der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Ländern zu dem wirtschaftlichen Spielraum, in dessen Grenzen sich diese Bevölkerung notwendigerweise bewegt? 2. Zeigt die Zunahmequote des osteuropäischen Judentums die Tendenz der Anpassung an die vorhandenen wirtschaftlichen Möglichkeiten und die vor sich gehenden wirtschaftlichen Wandlungen der osteuropäischen Staaten? 3. Wie wird die gegenwärtige Intensität der Bevölkerungszunahme des osteuropäischen Judentums seine weitere Entwicklung und wirtschaftliche Lage beeinflussen? Erst die Analyse der demographischen Gegebenheiten und zu allererst der natürlichen Bewegung des osteuropäischen Judentums, unter bevölkerungspolitischen Gesichtspunkten betrachtet, dürfte Licht in die verworrenen Verhältnisse bringen und neue, unbekannte Seiten des Problems aufhellen, die bei allen bisherigen, ökonomischen Betrachtungen und Untersuchungen völlig im Schatten geblieben sind. Die Behandlung jüdischer bevölkerungspolitischer Probleme, einerlei ob dabei das Gesamtjudentum oder nur einzelne jüdische Gemeinschaften in den Kreis der Betrachtungen gezogen werden, stößt stets auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Es fehlt uns ein sicheres und eindeutiges Kriterium zur Abschätzung der Prozesse der natürlichen Bewegung der jüdischen Bevölkerung; wir besitzen keine genauen Vorstellungen über die Tragfläche, auf der sich diese Prozesse abspielen, sowie von der Tragfähigkeit dieser Fläche. Von dieser aber hängt es letzten Endes ab, ob es wirklich in unserem Interesse 248