Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 246 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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aus der talmudischen Literatur für das Alter der Chewra angeführt wird, ist nicht eindeutig. Aber unsere Chewra Kadischa scheint doch ein besonders eigenartiges, aus den mittelalterlichen Verhältnissen allein nicht zu erklärendes Gebilde. In der Tat habe 'ich für diese ausschließliche Bestimmung der Bruderschaft zum Totengräberdienst, für diese Verpflichtung eines jeden einzelnen zum persönlichen Dienst am Toten keine mittelalterliche Parallele gefunden. Verspüren wir hier nicht den ursprünglichen antiken Geist, dem die Bestattung unbeerdigter Toten die höchste, mit dem Leben zu bezahlende Pflicht ist, einen Geist, für dessen Betätigung innerhalb der bereits gemilderten Sitten des Mittelalters kaum mehr Raum war, und den unter den Modernen vielleicht nur diejenigen nachempfinden können, die im Krieg die verunstalteten menschlichen Leichen unbeachtet auf dem Felde und an dem Straßenrand liegen sahen? Und zweifellos lebt in unseren Chewrastatuten der alte jüdische Geist, der für die einzig „wahrhafte Liebestat" nicht genug hohe und verpflichtende Worte finden kann. Dann müßte also unsere Chewra in ihrem Kern doch in eine Zeit zurückreichen, in der diese Gesinnung noch in ihrer Ursprünglichkeit wirksam war. Für diese Annahme spräche immerhin die Tatsache, daß die hellenistische und römische Gesellschaft bereits die formalen Vorbedingungen für derartige soziale Gebilde bot. Sie hatte ihre Vereine, die gewerblichen, gesellschaftlichen und Wohlfahrtszwecken dienten, ihren Mittelpunkt in gemeinsamen Kulten und gemeinsamen Mahlen fanden und jedenfalls in den meisten Zügen bereits die heidnischen Vorformen der mittelalterlichen Bruderschaften sind. Wir besitzen sogar die lateinischen Statuten von Beerdigungsvereinen, in denen man mit nicht zu großer Phantasie die Vorbilder unserer Chewrastatuten sehen könnte. Diese Kollegien bleiben freilich immer Interessenverbände, sie dienen nur dem eigenen Kreis, von rein humanen Motiven sind sie nicht bestimmt. Natürlich gab es solche Verbände auch in den von der hellenistischen Kultur berührten jüdischen Gemeinden, und vielleicht hat sich bereits in dieser Umgebung ein Prozeß vollzogen, der sich in anderer Form für das Mittelalter leicht glaubhaft machen würde, eine Umwandlung der an den heidnischen Kult und die gegenseitigen Interessen gebundenen Kollegien in jüdische Chewrot, die nun ihrerseits das Vorbild der mittelalterlichen Konfratrien geworden wären. Dabei soll nicht vergessen werden, daß selbstlose Liebestätigkeit kein neues christliches Postulat war, sondern daß sie bereits in den älteren jüdischen Quellen in mannigfachster Weise gefordert wird, und in Prägungen, die uns noch heute durch die Titel unserer frommen Stiftungen geläufig sind. Ich glaube trotzdem, daß wir uns mit Ausblicken und Vermutungen be- 246