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Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege · 1929-09-01 · 5 (September-Oktober 1929) · p. Seite 245

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Journal
Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
Volume
1 (1929)
Issue
5 (September-Oktober 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 245 (sequence 13)
Language
German
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gen. Die christlichen Bruderschaften Europas wurden immer mehr von politischen und wirtschaftlichen Elementen überwuchert, um so stärker, je schwächer der Arm der Landesregierung war. Indessen gab es auch christliche Bruderschaften, die nicht in diese Verwicklung verstrickt wurden, sondern sich bis in die Neuzeit hinein für ausschließlich gemeinnützige Zwecke freihielten. Es sind vor allem die in Deutschland verbreiteten sog. Elenden-Bruderschaften zu rühmen. Ihr Zweck war, die Landfremden zu unterstützen, ihre Kranken in Hospitälern unterzubringen, sie nach dem Tode zu bestatten und für ihr Seelenheil zu beten. Die Beerdigung der fremden Toten scheint ihre Hauptaufgabe gewesen zu sein. Darin ähneln sie unserer Chewra Kadischa, aber es fehlt ihnen die straffe Organisation und die unmittelbare Betätigung der Brüder. Wenigstens ist mir kein Statut einer solchen Bruderschaft vor Augen gekommen, das sich mit unseren Chewrastatuten im einzelnen vergleichen ließe. Es ist für mich kein Zweifel, daß sich in diesen Elenden-Bruderschaften wie in den jüdischen Chewrot eine allgemeine menschliche Organisation in ihren reinsten und ursprünglichsten Formen erhalten hat. Im Judentum haben sich diese Formen auf das vielseitigste und lauterste entwickelt und am längsten erhalten. Daß sie bei uns nicht in dem Maße von materiellen Interessen entstellt worden sind, das dürfte zum größten Teil der Kleinheit der jüdischen Gemeinden, der relativ geringen sozialen Differenzierung der jüdischen Gesellschaft und der politischen Schwäche der jüdischen Verbände zuzuschreiben sein. Denn es ist das Vorrecht der Schwachen, soziale Ideale in größerer Reinheit verwirklichen zu können. Dazu kommt die bindende Macht des Blutes und die gemeinsame Not, die bei den Juden jede soziale Tat intensiver und wärmer gestaltet. In unseren bescheidenen jüdischen Chewrastatuten haben wir Dokumente einer ursprünglichen allgemein europäischen, allgemein menschlichen Kulturgesinnung. Es hat demgegenüber wenig Sinn, die Frage aufzuwerfen, ob derartige Statuten von jüdischer oder von christlicher Seite zuerst entworfen worden sind, um dann auf der andern Seite abgeschrieben und in anderem Geiste umgearbeitet zu werden. Denn Institutionen erwachsen nicht aus Vorlagen, sondern aus allgemeinen menschlichen Kräften und Wurzeln. Es spricht indessen alles Gesagte dafür, daß unsere Chewra in der Form, wie sie bis in unsere Zeit nachlebt, im europäischen Mittelalter entstanden ist. Um so mehr, als das moderne Judentum an gesellschaftlichen und religiösen Zügen der Gemeinschaft mit dem christlichen Mittelalter mehr verdankt, als man sich im allgemeinen bewußt ist. Indessen möchte sich mancher damit nicht beruhigen und die Anfänge der Chewra weiter zurückverfolgen wollen. Was freilich 245

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