Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 239 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Tatsache, daß die Rabbiner, die heute die Stelle der Führer in den jüdischen Gemeinschaften einnehmen, den sozialen Aufgaben unserer Zeit entfremdet sind, bedarf einer näheren Untersuchung. Die Gründe sind in der Entwicklung der Verhältnisse nach der Emanzipation zu finden, in der allmählich die Stellung des Rabbiners mit seiner Gemeinschaft durch die Aufhebung der örtlichen Lebensverbundenheit an Kontakt und Einfühlungsmöglichkeit verloren hat. Mit der Umgestaltung der jüdischen Gemeinschaft von der eng konzentrierten Ghettogemeinde zur jüdischen Gemeinde innerhalb der großen westeuropäischen und amerikanischen Industriestädte ging Idie Möglichkeit der Beobachtung des täglichen Lebens der Gemeinschaftsmitglieder und die Kenntnis von den Lebensverhältnissen dieser Glieder dem Rabbiner zum großen Teil verloren. Er selbst wurde oft außerhalb des Lebenskampfes gestellt, indem ihm feste Einkommens- und Versorgungsbedingungen geboten wurden, die ihn nicht dem schweren wirtschaftlichen Kampf, den die .. meisten seiner Gemeindemitglieder führen mußten, aussetzten. Seine Wohn- und Lebensweise und auch seine Arbeitsweise vollzog sich meist unter anderen Verhältnissen als die vieler seiner Gemeindemitglieder. Es kam hinzu, daß seine Ausbildung, besonders auch auf den deutschen Universitäten, eine stark akademische wurde, daß sie ihm wohl eine umfassende Kenntnis jüdischer und allgemeiner Geschichte und Philosophie vermittelte, ihn aber an die Wissenschaften, die der Erforschung des menschlichen Lebens dienten (vor allem Psychologie, Volkswirtschaft und Medizin), im allgemeinen nicht heranbrachte. Diese Verhältnisse entwickelten eine Stellung des Rabbiners zu seiner Gemeinde, die eine gewisse Fremdheit aufkommen ließ und die Möglichkeit des Miterlebens mit den Gemeindemitgliedern erschwerte. Diese Entwicklung war besonders folgenschwer in einer Zeit, in der die soziologischen Verhältnisse immer verwickelter und schwieriger wurden, und in der andererseits gerade die Entwicklung der modernen Erkenntnistheorien, vor allem in der Medizin und in der Psychologie, unendlich wertvolle Aufschlußmöglichkeiten des menschlichen Lebens ergaben. Durch diese Entwicklung sind dem deutschen Rabbiner die Möglichkeiten der wirksamen, praktischen Hilfe für den einzelnen und für die Gesamtheit sehr erschwert, ebenso wie die Erschließung der einzelnen Individuen, für die er die Verantwortung in vieler Beziehung trägt. Gleichzeitig sind die sozialen Aufgaben, an denen der Rabbiner mitwirken könnte, außerordentlich stark gewachsen. Sie erstrecken sich nicht nur auf Maßnahmen der Fürsorge für den einzelnen, sondern vor allem auf eine sozialpolitisch gesunde Gestaltung der Lebensverhältnisse der Gesamtheit der Juden, die oft, ohne im eigentlichen Sinne wirtschaftlich bedrängte zu sein, zu schweren 239