Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 5 (September-Oktober 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 238 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Völkerungspolitik stets gefördert und in die Gestaltung des Kultus mit einbegriffen. Als Voraussetzung für eine solche Durchführung sozialer Aufgaben innerhalb einer Gemeinschaft wurden Kenntnisse über die Lebensbedingungen der Bevölkerung, die biologischen Bedingtheiten und die psychologischen Grundlagen angesehen (soweit sie die Zeitentwicklung ermöglichten1). Nur wer über diese Kenntnisse verfügte und auf diese Weise mit der Materie des Volkes vertraut war, erschien fähig, mitgestaltend am Schicksal des Volkes zu wirken und zu arbeiten. Die Auffassung der jüdischen Weltanschauung sah dabei jede soziale Handlung als einen Ausfluß göttlichen Willens an, da sie die Menschen der Vervollkommnung näher führte, und verknüpfte so soziale Handlung und religiöses Leben. Daher waren die sozialen Aufgaben der jüdischen Führer sowohl allgemeine wie individuelle. Die allgemeinen sozialen Aufgaben sollten das Volk als Gemeinschaft fördern und der Idee der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen, sollten das Volk physisch und geistig leistungsfähig machen und die Tatsache der gemeinschaftlichen Verbundenheit ermöglichen. Durch die individuellen Maßnahmen sollte die Fähigkeit des einzelnen zur Bestgestaltung seines Schicksals gefördert und ihm als Glied der Gemeinschaft ein tätiges Leben ermöglicht werden. Die Mittel, die den Führern zur Durchführung dieser ihrer sozialen Aufgaben zur Verfügung standen, waren vielfache. Sie bestanden in der Vermittlung wirtschaftlicher Hilfe zur Befriedigung des Lebensbedarfes, in psychischer Hilfe zur Entwicklung und Stärkung des persönlichen Lebens der Gemeinschaftsglieder und in der Kräftigung der Energien zur Ermöglichung einer sozialen Lebensführung im Interesse der Allgemeinheit. Diese grundsätzlichen Aufgaben sind bei dem jüdischen Volke zu allen Zeiten die gleichen geblieben. Sie empfingen den Wechsel äußeret- Form nur von der Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Arbeitsmethoden. Die Grundlehre jedoch, daß jede Kraft im Menschen heilig und die Lebensgemeinschaft als solche eine heilige Bindung sei, beeinflußte die sozialen Maßnahmen der verantwortlichen Führer im jüdischen Volke stets in der gleichen Richtung. Auch für die heutige Zeit bildet der Grundsatz, daß die sozialen Aufgaben in der Vervollkommnung der menschlichen Kräfte und Lebensformen liegen, die unverrückbare Grundlage für die soziale Arbeit. 1) In diesem Zusammenhang gewinnt das Bibel- und Talmudstudium mit seinen Aufschlüssen gerade auf diesen Wissensgebieten seine eigenartige Bedeutung. 238