Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 225 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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altrieben, sondern ist begründet in der Umstellung des gesamten Trieblebens und der Umlagerung von Neigungen und Strebungen, die das charakteristische Zeichen der Pubertät sind. Der junge Mensch erwacht zum Bewußtsein seines Ich, ein starker Geltungstrieb beherrscht ihn. Ein Übermaß von Spannkräften drängt zu ungeregelten körperlichen Entladungen, zu unbeherrschten Bewegungen, eine Erscheinung, die wir zumeist als „Flegeljahre" bezeichnen. Dazu kommen noch die Bekundungen der erwachenden Geschlechtssphüre. Die jungen Menschen beschäftigt in dieser Zeit zweierlei: erstens der brennende Wunsch, den weiten Weg zum Erwachsensein möglichst abzukürzen. Was ist neben Zigaretten usw. eine bessere Eintrittskarte in die Männlichkeit als der Nachweis, daß man sexuell kein Kind mehr ist? Alles wird Gelegenheit zum Renommieren. So ist auch gemeinschaftliches Onanieren zu erklären: man braucht Publikum. Das zweite, das die jungen Menschen in dieser Zeit beschäftigt, ist der verschwörerischc Ileimlichkcitsreiz, der der sexuellen Sphäre anhaftet. Die Erwachsenen erscheinen als die Gegenpartei, der man ein anderes geheimes Gemeinschaftsleben in der Clique, der Gruppe entgegensetzt. Durch das Geheimnisvolle, das Eltern und Schule über das Geschlechtliche verhängen, provozieren sie geradezu, daß sich dieser Protest in das Sexuelle flüchtet. Der Sexualtrieb selbst zeigt nun zwei Formen, für die Stern zwei treffende Ausdrücke geprägt hat. 1. Den Kurzschluß. Er drückt sich aus in einer Entladung auf direktem Wege (Selbstbefriedigung), in einer Lösung der Spannung ohne jedes Zwischenglied. Man findet ihn auch später noch oft, jedoch als Notbehelf, als Scheu vor Verkehr. Die Gefährdung ist hier nicht so groß; jedoch sollte man diese Erscheinung bekämpfen und bestrafen, wenn sie übertrieben wird und vor allem, wenn sie gemeinsam ausgeführt wird. 2. Die Zwischenschaltung in Form von Surrogaten und Symbolen, Spielereien mit sexuellem Einschlag, wollüstigen Phantasien, Flirten, Koketterien, körperlicher Berührung; vor allem aber in Entladungen in sprachlichen, schriftlichen, bildlichen Darstellungen. All diese Dinge können eine doppelte Bedeutung haben; entweder sie sind ungehemmte Äußerungen des erwachenden Sexualtriebes oder aber Sicherungen vor weniger harmlosem Wirken. Dies ist die Entwicklung etwa bis zum 16. Lebensjahre. Jetzt tritt die Erotik ein..und der Übergang zum Geschlechtsverkehr. Erotische Bindungen sind etwas durchaus Normales. Die reine Erotik zeigt sich in Schwärmereien, vor allem in schwärmerischen Freundschaften zwischen Menschen beiderlei Geschlechts. Die Erotik wird realistischer, sie äußert sich in Liebeleien, Flirts. Es hat keinen Zweck, sie zu verbieten und zu verdammen, bloße Entrüslungsreaktion ist unzulänglich, da wir hier vor einer Erscheinung unseres gegenwärtigen Kulturlebens stehen, der jeder Erzieher ins Auge sehen muß. Zwei wichtige Seiten sind für den Pädagogen zu beachten: 1. selbst wo eine erotische Beziehung zum Geschlechtsverkehr führt, wird sie doch immerhin veredelt durch die Liebesbeziehungen beider Partner; 2. die erotische Beziehung kann auch als Zwischenstadium wirken; sie kann geradezu vom Geschlechtsverkehr abhalten. Diese zarte Erotik kann den jungen Menschen weit länger rein erhalten als es ohne diese Sublimierung des Triebes der Fall ist; ganz besonders dann, wenn durch das Fehlen eines Verbotes der Protest der Heimlichkeit unnötig wird. Nach Stern sollten deshalb die höheren Schulen das Zusammenkommen 225