Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 4 (Juli-August 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 224 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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gende Buch enthält die Gutachten beider Gelehrter. 196 Schulen haben über 552 Fälle berichtet; davon beziehen sich 85 auf Mädchen; in 425 Fällen ist Bestrafung erfolgt, davon 41 o/o mit Verweisung von der Schule, 42o/u mit Androhung der Verweisung, 17°/o mit milderen Strafen wie Arrest usw. Die Delikte, um die es sich handelt, sind: symbolische Handlungen in Sprache, Schrift und Gebärden, obszöne Witze, Herumzeigen erotischer Ansichtskarten, Zeichnung von Geschlechtsorganen, spielhafte experimentierende Handlungen (Mutter- und Kinderspiel, Arztspiel), Entblößungen, Rohheitshandlungen, Gewaltanwendung, Onanie, homosexuelle Handlungen, normaler Geschlechtsverkehr. Interessant ist die Statistik, nach der die Untertertia am stärksten beteiligt ist an unsittlichen Handlungen und Onanie, die Obertertia an unzüchtigen Reden und Schriften, homosexuellen Verfehlungen, die Oberprima an Geschlechtsverkehr. Der wesentliche Fehler, der nach der Meinung beider Gutachter bei den meisten Lehrern festzustellen ist, ist die falsche Auffassung der Delikte. Jugendsexualität und Sündhaftigkeit werden einfach identifiziert, und man hält sexuelle Verwirrungen, von denen keine Entwicklung ganz verschont bleibt, für Ausnahmen. Beide Gutachter haben unabhängig voneinander gearbeitet und kommen in den wesentlichen Dingen zu demselben Resultat. Sie suchen auf Grund der Ergebnisse der Jugendpsychologie ein Bild der normalen sexuellen Entwicklung des jugendlichen Menschen zu geben. Nachgewiesen wird auch, daß es sich nicht etwa, wie so gern behauptet wird, um besondere Verfallserscheinungen der heutigen Jugend handelt. Es darf allerdings nicht verkannt werden, daß die Jugend heute gefährdeter ist durch die Entwicklung des Kinos und ähnlicher Dinge, vor allem in der Großstadt, was ja für die jüdische Betrachtung der Dinge von besonderer Bedeutung ist, da unsere Jugend fast ausschließlich Großstadtjugend ist. Der wertvollste Teil des Werkes dürfte Sterns Darstellung der seelischen Entwicklung des Jugendlichen sein. Ihrer verschiedenen seelischen Struktur nach haben die jungen Menschen verschiedene Einstellung zur Sexualität. Da ist zunächst der Typ der Ruhigen. Bei ihnen ist ein nach außen Hervortreten der sexuellen Natur nicht vorhanden, entweder aus allgemeiner Gefühlsstumpfheit, oder aber, was sehr wichtig ist, weil sie andersgerichtete Interessen haben: geistige, sportliche, gesellige Sammelneigungen, die so stark sind, daß sie sexuelle Regungen dadurch zurückgedrängt oder sublimierl; haben. Die Heimlichen sind die, die ganz für sich fertig zu werden suchen, entweder aus Scham oder aber, was wohl der häufigere Fall ist, aus dem prickelnden Gefühl, ein selbstherrliches zweites Leben neben dem offiziellen führen zu können. Bei diesem Typ bemerkt man sehr oft ausschweifende Phantasie, sie fallen der Onanie anheim, ohne daß Eltern oder Erzieher eine Ahnung von dem Doppelleben dieser jungen Menschen haben. Die Beherrschten endlich regulieren ihr Triebleben durch Willensmotive idealer Art. Als solche Motive nennt Stern religiöse, die Jugendbewegung und endlich die biologische Idee der Fernhaltung von Verseuchung und Schwächen. Die Erzieher halten oft die Ruhigen für die normale Grundmasse der jungen Menschen; sie kennen iin allgemeinen nur das reine Kind und den beherrschten Jugendlichen. Dies ist jedoch mehr ein Wunschbild als ein Abbild der Wirklichkeit. Die Labalität der Pubertätszeit, jene eigentümliche Ungleichmäßigkeit, launische Sprunghaftigkeit des Verhaltens kommt nach Stern — im Gegensatz zu Freuds Pansexualismus — nicht nur aus den erwachenden Sexu- 224